ArLan

Ein Überblick über Aktivitäten und Vorträge

 

Zu Fuß die Geschichte erwandern  -  Winterliches Attenhausen und Umgebung

Wie seit vielen Jahren trafen sich an Neujahr geschichtsinteressierte Wanderer, um das neue Jahr zu Fuß zu erkunden. Die diesjährige 15. Rundwanderung ging von Attenhausen, Gemeinde Bruckberg aus und auf einem Rundkurs wieder zurück. Wie immer wurde sie von Vitus Lechner vom Heimatpflegeverein Bruckberg und Arlan – Archäologischer Verein Landkreis Landshut, organisiert.

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Vitus Lechner erzählt Wissenswertes über die vielen kleinen Kapellen und Feldkreuze, an denen die Wanderer vorbei kamen

In der festlich weihnachtlich geschmückten Kirche St. Stephanus begrüßte Lechner die Wanderer, Pfarrer Josef Steinberger spendete den kirchlichen Segen fürs kommende Jahr und berichtete über die neuesten Renovierungen der Kirche, deren Ausstattung ins 15. Jahrhundert zu datieren ist. Attenhausen selber ist mit 510 m über Meeresspiegel der höchst gelegene Ort im Landkreis. Im 8. Jahrhundert sollen Mönche aus Martinszell hier gerodet haben. Erwähnt wurde der Ort erstmals urkundlich um das Jahr 1100. Charakteristisch sind die vielen verstreut gelegenen Weiler und Einödhöfe, welche für uns heute sehr eigenartige Namen tragen. Bis 1978 war Attenhausen eine eigenständige Gemeinde mit Schule, eigenem Pfarrer und Pfarrhof. Heute ist es ein Ortsteil von Bruckberg im Landkreis Landshut.

Vom östlichen Ortsrand aus führte der Weg zur Einöde Kollmann, mit erster Erwähnung 1464 unter dem Namen Kohlmo, was auf einen dort siedelnden Köhler deuten könnte.  Hier ist der Anfang vom Buchgraben, einen kleinem Gewässer, das bis Eugenbach weiterverläuft.

Oberpisat und Unterpisat hießen die nächsten beiden Bauernhöfe, an denen die Wanderer vorbeikamen. Abgeleitet wurde der seltene Ortsname von „Bieserder“, eine uralte Bezeichnung für „angeschwemmte Erde“, welche eine gute Grundlage für beste Erträge der Bauern bedeutet. Gleich dem kleinen Tal gegenüber liegt der Wald „Allerheiligenholz“. Dort, so erzählt man sich, gab es um 1880 einen ungeklärten Kriminalfall, es ist ein Mann namens Langmeier ermordet worden.

 

Auf tief verschneiten Wegen ging die Wanderung weiter auf dem Bibelkräuterweg. Er entstand im Jahr 2007. Damals erstellten Jugendgruppen der KJG Furth mit 70 Kindern und Jugendlichen bei der Aktion "3 Tage Zeit für Helden" in nur 3 Tagen einen Rundweg von Furth über Schlucking, Schatzhofen, Edlmannsberg und wieder nach Furth zurück. Schwarze und weiße Pfeile auf bunten Pfosten weisen dem Wanderer den Weg und Tafeln berichten über Pflanzen der Bibel, erzählen über alte Kräuter und Naturweisheiten.
Auf dem Höhenrücken sieht man von Süden zur Gemeinde Furth, erstmal schriftlich erwähnt um 1030 von einem „Marktwart de Furte“, was vermutlich die Verbindungstrasse zwischen Tondorf und Pfeffenhausen war. Doch die erste Besiedelung von Furth geht nach neuesten archäologischen Erkenntnissen 6500 Jahre zurück. Die damaligen ersten steinzeitlichen Bauern der Linienbandkeramischen Kultur haben sich dort niedergelassen. Weiter fand man auch Hinterlassenschaften der Münchshöfener Kultur, eine vermutete Römerstraße konnte noch nicht bestätigt werden. Furth hat viele Auszeichnungen über Projekte mit Energie, Klima und Ressourcen erhalten.

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Die Waldkapelle auf dem Höhenrücken gegenüber Furth wird schon seit Jahrzehnten gern von Wanderern aufgesucht

Am Ende des Wegs am Waldrand ist in einem bunten Bauwagen der Waldkindergarten untergebracht. Dort wartete das Brotzeitteam vom Heimatpflegeverein und ihrem Vorstand Karl Schwanner mit einem mobilen Brotzeitwagen, um die Wanderer mit warmen Getränken und einer kleinen Brotzeit zu  versorgen.

 

Weiter führte der Weg über tief verschneite Waldwege zur Waldkapelle.
Deren Erbauerin Babette Stiegler versprach im Kriegswinter 1914, dass sie nach einer guten Heimkehr eine Kapelle stiften wollte. Die Störnäherin erbaute dann selber zusammen mit einem alten Maurer das kleine Gebäude. 1934 wurde sie ins Nervenkrankenhaus Mainkofen eingeliefert, im Juni 1941 hat man sie ins NS-Massenvernichtungslager Mauthausen   verlegt, wo sie am 9. Juli 1941  verstorben ist. Nach einem kurzen Gedenken an die Geschehnisse gingen die Wanderer weiter, von der Kapelle aus läuft ein steiler Weg hinunter zum Buchgraben, vorbei an einem in einen Baum eingewachsenen Kreuz. Weiter ging es in den Naturschutzbereich, entlang vom Buchgraben mit seinen geschützten Bachmuschel- und Krebsbeständen. Wieder bergauf stapfen die Wanderer durch den Schnee zur Waldkapelle von Stubenreuth.

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Über 100 Wanderer marschierten über Berg und Tal auf tiefverschneiten Wegen um das Dorf Attenhausen und erfuhren so viel über die Geschichte und seine Umgebung

Sie erinnert  an ein dunkles Kapitel unserer  Geschichte. Der zweite Weltkrieg war gerade ein Jahr vorbei als noch  viele Menschen plündernd übers Land zogen um sich zu versorgen. Die 26jährige Bauerntochter Maria Nummer von Stubenreuth ist hier, wenige Meter von zuhause erschossen worden.  Der Zeitzeuge Thomas Heim hat die Zeit als damals 14 jähriger erlebt und berichtete von der Angst und dem Schrecken in dieser Zeit.

Nach einem kurzen Anstieg zog sich der Weg für die über 100 Teilnehmer weiter über die winterlichen Felder. Mit dem Dank für alle, die mitgewirkt haben, von der Feuerwehr für Parkplatz Einweisung, dem Kirchenpfleger Max Paulus für die Lautsprecheranlage und  dem Brotzeitteam vom Heimatpflegeverein, endete die Winderwanderung  wieder in Attenhausen.

Monika Weigl

 

 

Wo überquerten die Römerstraßen das Isartal?
Arlan-Stammtisch und die Straßenforscher

Die römische Fernstraße von Augsburg bis zur Donaugrenze bei Moos-Burgstall, führte durch Niedererlbach im Gemeindegebiet  Buch am Erlbach. Das Bild wurde während der Ausgrabung im Jahr 1980 vom Luftbildarchäologen Dr. Otto Braasch aufgenommen und zeigt deutlich als Bewuchsmerkmale die noch deutlich erkennbare, leicht gewölbte Strassentrasse mit den beiderseitigen Straßengräben. Angrenzend an die Straße haben die Archäologen auch ein gemauertes Grabdenkmal, das mit zahlreichen Beigaben ausgestattet war, entdeckt.
Römische Fernstraße bei Niedererlbach

Schon Werner Hübner machte sich in den 1970er Jahren auf die Suche nach römischen Straßen, welche speziell den Landshuter Bereich mit Regensburg  verbinden könnten. Dass es Römerstraßen gab, war bekannt, nur wo genau waren sie, wo kreuzten sich die Ost- und Südtrassen?

Ein hervorragender Kenner der  Provinzialrömischen Archäologie ist der oberbayerische Referent im Denkmalamt Bayern, Dr. Martin Pietsch. Speziell in Oberbayern gibt es noch viele im Boden und aus der Luft gut erkennbare Römerstraßen, welche Siedlungen und Kastelle verbinden und weiter über die Alpen bis ins ferne Rom gehen. Da es sich der Archäologische Verein zum Ziel gesetzt hat, die regionalen Straßen zu finden, war  Pietsch als Referent eingeladen worden, um über Römerstraßen generell und eine Weiterführung der oberbayerischen Straßen an niederbayerische Anschlüsse zu referieren.

Zusammenfassend zeigte Pietsch die schon bekannten Fakten zur Römerstraßenforschung auf. Im Jahr 2000 gelang es Prof. Dr. Helmut Bender von der Universität Passau,  im Landkreis in einer archäologischen Grabung, die Kreuzung der Isartalstrasse bei Wörth/Isar nachzuweisen. Die  Luftbildarchäologen Dr. Otto Braasch und Klaus Leidorf entdeckten bei Niedererlbach Trassen der heute so genannten „Isartalstrasse“. Werner Hübner fasste damals für sein Buch  „Die Römerstraßen im Isartal“ alles zusammen was damals archivalisch und archäologisch erforscht war. Weiteres ist seit jener Zeit zu bekannten Fakten nicht dazugekommen, jedoch bemüht sich eine Gruppe arLan-Mitglieder, mit Straßenforschung, Feldbegehungen, dem Studium älterer Karten und neuester Satellitenvermessung, hier weiter Licht ins Dunkel zu bringen.

Wichtig, so der Archäologe Pietsch, ist für jede Art von Suche im Gelände, die sichtbaren Geländemerkmale genau zu beobachten und anhand von Verläufen in den Feldern oder Wäldern Reste als Bodendenkmal zu finden. Dies können beispielsweise lange gerade verlaufende, leicht erhöhte Wege in den Wäldern sein oder auch sogenannte Hohlwegfächer. Die Römer hatten bestimmte Bauprinzipien, nämlich die Straßen schnurgerade zu trassieren und mit einem sehr festen, kiesigen, sandigen oder steinernen Untergrund sozusagen „unwetterfest“, also ständig befahrbar zu machen. Da im Isartal keine natürlichen Gesteine vorkommen, dürften die mit regionalen Materialien befestigten Straßen weniger  haltbar gewesen sein, wie in Gebieten mit reichen Kalkstein-, Basalt- oder Granitvorkommen. Die Fahrwege wurden nicht nur vom Militär, sondern auch von Händlern und Reisenden genutzt.  (In bestimmten Abständen hat man steinerne  „Meilensteine“ errichtet).

Noch im Mittelalter nutzte man die sehr haltbaren Römerstraßen. Von der jahrhundertelangen Befahrung auf hartem Gestein zeugen oft die tiefen Spurrillen der eisenbereiften Wagenräder. Weitere Hinweise zu nicht mehr bekannten überregionalen Verbindungen bringen möglicherweise die Standorte von römischen Gutshöfen oder beispielsweise auch Fundorte von Münzen, sowie Gräbern. Abwandlungen von mutmaßlichen römischen Ortsnamen oder markante Flussübergänge könnten weitere Hinweise zu den noch immer gesuchten Überquerungen der Isar geben, welche an sich im Bereich von oberhalb oder unterhalb von Landshut gesucht werden.

So gab Pietsch noch die Anregung, gezielt Feldbegehungen an vermuteten römischen Siedlungen zu machen, denn oftmals geben kleinste Funde von römischer „terra sigillata“-Keramik, Eisenteilen oder verlorenen Hufeisen, dem Archäologen Hinweise auf bisher unbekannte Ansiedlungen.

Monika Weigl

 

 

Menschen der Eiszeit: Mammutjäger und Michelangelos

Archäologe Bernd Engelhardt sprach über Sesselfels-Grotte und die Erforschung der Altsteinzeit in Bayern

Peter Geldner, Dr. Bernd Engelhardt
Peter Geldner, der 1. Vorsitzende des Vereins Arlan und der Referent Dr. Bernd Engelhardt.
Von Elmar Stöttner

Im lauschigen Altmühltal gefiel es schon dem Neandertaler – wenngleich er die breite Fluss-Aue nicht mit den Augen des Touristen von heute betrachtete, sondern mit denen eines Großwildjägers: Unter Felsvorsprüngen und in angenehm gleichmäßig warmen Höhlen schlugen ganze Sippen ihre Lager auf und überblickten über viele Kilometer das Tal, durch dessen karge Tundra-Landschaft Herden von Mammuts, Rentieren, Wildpferden und Saiga-Antilopen trotteten.

Der Archäologe Dr. Bernd Engelhardt hat in der Sesselfels-Grotte über dem heutigen Dorf Essing als Student seine ersten Erfahrungen als Ausgräber gemacht. Noch nach über 40 Jahren erzählte er davon mit einer Begeisterung, als hätte er gerade eben den Fund seines Lebens gemacht.

Peter Geldner, der 1. Vorsitzende des Vereins ArLan (Archäologie in Stadt und Landkreis Landshut) freute sich, dass wieder so viele Zuhörer nach Ergolding ins Gasthaus Proske gekommen waren. Sie sollten es nicht bereuen: Der Referent führte sie nicht nur ins Altmühltal, sondern streifte mit ihnen auch durch mehrere Jahrhunderttausende der Menschheitsgeschichte – mit einem Abstecher bis in die jüngste Vergangenheit.

Er ging dabei sogar kurz zurück bis zum ersten Menschen auf deutschem Boden, dem Heidelberg-Menschen, der vor rund 600000 Jahren im Neckar-Tal mit Faustkeilen auf Nashorn-Jagd ging und einen Unterkiefer hinterlassen hat, der bereits einen verkümmerten Weisheitszahn aufwies. Während dieser Frühmensch noch viele Warmzeiten erlebte, in denen im Rhein Nilpferde schwammen und Waldelefanten durch Dschungel trotteten, mussten seine Nachfahren – die berühmten Neandertaler – bald mit einer Eiszeit nach der anderen fertig werden.
 

Altsteinzeit – entscheidende Epoche der Geschichte

In Bayern zum Beispiel mit der Riß-Eiszeit (zwischen 350000 und 120000 Jahren vor heute), in der sich der Inn-Gletscher bis Taufkirchen vorschob. In der Würm-Eiszeit (etwa 115000 bis 10000 vor heute) bedeckte ein Eispanzer Südbayern bis auf die Höhe von Dorfen.

Warum die Nordhälfte von Europa und zwei Drittel von Nordamerika immer wieder vereisen, das konnte noch kein Wissenschaftler schlüssig erklären. Nur soviel steht fest, dass der heutige Mensch ganz wesentlich ein Kind der Eiszeiten ist, dass ihn der Überlebenskampf geprägt und konditioniert hat mit seinem Zwang, immer wieder mit neuen Lebensbedingungen fertig zu werden. Die Altsteinzeit, die hierzulande vor rund 11000 Jahren ausklang, ist nach den Worten Engelhardts daher die wichtigste Periode der Menschheitsgeschichte.

Die längste Zeit ging es dabei unendlich zäh voran mit dem Fortschritt der Technik: Rund 200000 Jahre dauerte es zum Beispiel, bis der Neandertaler aus ersten primitiven Faustkeilen dünne „Blattspitzen“ aus Feuerstein entwickelt hatte, die er wohl für Speerspitzen und als Multifunktions-Messer verwendete. Im Altmühltal sind solche Blattspitzen in der Oberen und der Mittleren Klausenhöhle gefunden worden.
 

8000 Jahre vom ersten Feld bis zur Mondlandung

Fasziniert ist der Archäologe Dr. Engelhardt von dem Technologie-Schub, den der moderne Menschen auslöste, der Homo sapiens sapiens (wörtlich: der doppelt-weise Mensch), der vor rund 40000, aus Afrika kommend, nach Europa vordrang – viel später als nach Australien, viel früher als nach Amerika. 10000 Jahre danach hatte er den Neandertaler völlig verdrängt.

Der moderne Mensch perfektionierte die Bearbeitung von Steinen, Knochen, Holz und Geweihen, entwickelte immer komplexere Gerätschaften für die Jagd und andere Tätigkeiten. Als sich die Eispanzer in erstaunlichem Tempo zurückzogen – der Inn-Gletscher in etwa 30 Jahren um rund 120 Kilometer – und die bis heute andauernde Warmzeit begann, jagte eine Erfindung die andere: „Nur etwa 8000 Jahre liegen zwischen der Zeit der ersten Bauern in Europa und der Mondlandung“, gab Engelhardt zu bedenken.

Geistig-moralisch und sozial, im Umgang miteinander, habe der Mensch dagegen keinen Funken von Fortschritt gemacht, stellte Engelhardt fest. Zu Recht: Mit seinesgleichen ist der Mensch der Neuzeit so übel umgegangen, wie es wohl dem primitivsten Steinzeitmenschen nicht eingefallen wäre.
 

Moderner Mensch und die Geburt der Kunst

In die erste Ära des Homo sapiens in Europa fällt die Geburt der Kunst. Der Mensch beginnt, Erinnerungen und Vorstellungen gezielt festzuhalten auf Knochen, Felswänden oder Steinplatten; er fängt an, aus Mammut-Elfenbein oder Kalkstein Skulpturen zu schaffen von Mammuts, Wildpferden oder vollbusigen Frauen. In Höhlen Südfrankreichs und Nordspaniens und, weit weniger bekannt, im Ural haben sich einzigartige Gemälde erhalten, die einem Michelangelo und jedem anderen der großen Künstler der Menschheit zur Ehre

Sesselfelsgrotte, Altmühltal
Blick von der Sesselfels-Grotte auf das Tal der Altmühl: Das Tal ist so breit, weil hier bis vor 200000 Jahren die Ur-Donau floss, bevor sie die Weltenburger Enge durchbrochen hat.
gereicht hätten.

Ob einst auch in Höhlen im Altmühltal Gemälde in leuchtenden Farben zu bewundern waren? Man kann es nicht sagen, erläuterte Engelhardt. Das Raumklima in diesen Höhlen in Mitteleuropa ist nicht danach: Es nicht trocken und gleichmäßig genug wie in Südfrankreich oder Nordspanien und im Ural, wo die Bilder Jahrtausende überstehen können. Dennoch haben sich, auf anderem Material, Jura-Kalkplatten nämlich, älteste Kunstwerke aus Bayern erhalten: Menschen der ausgehenden Altsteinzeit, der Magdalenien-Kultur (etwa 18000 bis 12000 vor Christus), benannt nach einem französischen Fundort, haben als Ritz-Zeichnungen Darstellungen eines Mammuts und eines Wildpferdes hinterlassen in den Klausenhöhlen bei Neuessing – aus einer Zeit, in der das Rentier die Hauptbeute der Jäger war und das Mammut schon eine Seltenheit.

In der mittleren Klause fanden Forscher einen Lochstab aus Rentier-Geweih mit der Darstellung eines Mischwesens aus Mensch und Büffel. Oder zeigt es einen Schamanen mit einer Auerochsen-Maske, wie man ihn von Gemälden oder Schwarzweiß-Fotos von Forschungsreisenden kennt, die Zeremonien der Indianer Nordamerikas oder Sibiriens festgehalten haben? Sicher haben sich um dieses Urbild eines Zauberstabs magisch-rituelle Vorstellungen gerankt, die der Menschen von heute nur erahnen kann.
 

Hausmusik in Wohnhöhlen der Familie Feuerstein

Aber noch einmal einige zehntausende Jahre zurück zu den Neandertalern. Unter der Leitung seiner späteren Doktor-Mutter Prof. Gisela Freund grub Bernd Engelhardt hier zusammen mit anderen Archäologie-Studenten buchstäblich Millimeter für Millimeter die Spuren jenes Frühmenschen aus, dessen erste Spuren der Schullehrer Johann Carl Fuhltrott im Jahr 1856 im Neandertal bei Düsseldorf entdeckt hatte – drei Jahre vor Erscheinen des bahnbrechenden Buches von Charles Darwin „Über die Entstehung der Arten“.

Fuhltrott erkannte die Bedeutung seiner Entdeckung, im Gegensatz zu Wissenschaftler-Koryphäen seiner Zeit, von denen ihn einige mit Lug und Trug überzogen und mit nur mühselig verhüllter Herablassung. Der Neandertaler, ein untersetztes Muskelpaket, mit fliehendem Kinn und ebensolcher Stirn, perfekt angepasst an die Welt der Eiszeiten, blieb noch lange ein ungeliebter Ahn, galt als abgestorbener Zweig im Stammbaum der Menschheit, wurde herabgewürdigt als keulenschwingender Halb-Idiot.

Bis einige Forscher nachfragten, genauer hinschauten und entdeckten, dass er aus Bärenknochen Flöten bastelte und Musik spielte, dass er sich eventuell genauso lautreich artikulieren konnte wie der modern Mensch – und dass er die allerersten Zeugnisse religiöser Rituale hinterlassen hat: Im Norden des Irak, nicht weit von den Gegenden, in denen moderne Menschen unter der schwarzen Flagge des „Islamischen Staats“ derzeit auf abscheuliche Weise ihre Unmenschlichkeit unter Beweis stellen, betteten Neandertaler vor rund 32000 bis 49000 Jahren einen Toten auf ein Blumen-Bukett. Spezialisten haben den Blütenstaub von mindestens sieben Blumenarten analysiert, von denen die meisten bis heute als Heilpflanzen bekannt sind.
 

Knochen von Kleintieren verraten Klima von einst

Auch in der Sesselfels-Grotte fanden sich die Überreste eines Neandertaler-Begräbnisses – der Bestattung eines Säuglings oder vielleicht auch einer Totgeburt. Ganz genau konnte das nicht mehr rekonstruiert werden und auch viele andere Fragen lassen sich nicht mehr klären. Denn bevor Ausgräber wie die von der Universität Erlangen kamen, hatten in der Sesselfels-Grotte und in anderen Höhlen schon Raubgräber sowie ein Universitätsprofessor ihr Unwesen getrieben, manchmal auch arbeitsteilig: Der Professor aus Würzburg ließ sich die Knochen uralter Tiere bringen; dass dabei auch Funde und Befunde aus der Zeit der Eiszeit-Menschen zerstört wurden, war ihm offensichtlich egal.

Die Ausgräber aus Erlangen gingen dagegen vor wie Gerichtsmediziner: Minuziös, teilweise mit Zahnstochern und anderen Kleinstgeräten bargen sie selbst winzigste Spuren wie das Gewölle von Eulen, Knöchelchen von Lemmingen oder 1,5 Millimeter lange Mäuse-Zahne.

Was hier vor vielen tausend Jahren kreuchte und fleuchte, ist deshalb so wichtig und aufschlussreich, weil sich daraus das Klima, die Vegetation, die ganzen Lebensumstände der Urmenschen rekonstruieren lassen. Mit berechtigtem Stolz führte Engelhardt aus, dass die Forschungsergebnisse aus der Sesselfels-Grotte bislang in fünf Monographien und Dutzenden von Aufsätzen ihren Niederschlag gefunden haben – und immer noch kein Ende der wissenschaftlichen Ausbeute in Sicht ist.

Mammut und Neandertaler
Vier Meter hoch und über fünf Tonnen schwer waren ausgewachsene Mammuts, Giganten der Eiszeit, hier ein Lebendbild und ein Skelett aus dem Mammut-Museum von Siegsdorf (Landkreis Traunstein). (Fotos: Stöttner/Engelhardt/Neanderthal-Museum)
Neandertaler und ein Homo sapiens sapiens-Mädchen: Diese im Neanderthaler-Museum bei Düsseldorf arrangierte Begegnung ist zwar anachronistisch, birgt aber vielleicht einen Kern Wahrheit; Gen-Forscher sind der Meinung, dass helle Haut, Haare und Augen moderner Menschen Erbgut des Neandertalers sind.
Neandertaler – der Urahn aller Blondschöpfe?

Die Forscher leuchten damit sehr wohl die Erbschaft des Menschen von heue aus: Wie man seit einigen Jahren beweisen kann, ist der Neandertaler zwar ausgestorben; aber sein Erbgut lebt in Europäern und Asiaten fort. Auf etwa vier Prozent des Gen-Pools der Eurasier beziffern Genetiker dieses Erbteil – darunter mutmaßlich auch die Erbanlagen für helle Haut, blondes und rotes Haar und helle Augen.

Als Leiter der vor wenigen Jahren aufgelösten Landshuter Außenstelle des Bayerischen Landesamts für Denkmalpflege konnte Engelhardt, wie er ebenfalls mit Stolz vermerkte, noch eine weitere Altsteinzeit-Ausgrabung in Niederbayern ermöglichen, als diese Behörde noch eine Forschungstätigkeit ausüben durfte: Bei Salching (Landkreis Straubing-Bogen) lauerten vor rund 25000 Jahren Jäger der Gravettien-Epoche von einem Hügel aus Mammuts und Wollnashörnern auf, die in der offenen Tundra zwischen Straubing und Landau gerade dabei waren, die Trasse der späteren Bundesstraße 20 auszutrampeln. Schade eigentlich, dass von ihnen nicht mehr übrig geblieben ist als gelegentlich ein paar Stoßzähne in niederbayerischen Kiesgruben.

 

 

 

Brauten die Mesolithiker Bayerns erstes Bier?

Archäologe Robert Graf: Letzte Sammler und Jäger hatten Handelskontakte bis Griechenland

Peter Geldner, Dr. Robert Graf, Monika Weigl
Peter Geldner, der 1. Vorsitzende des Verein Arlan, der Referent Dr. Robert Graf und die Leiterin des Museums Adlhochhaus, Monika Weigl.
Von Elmar Stöttner

Die älteste Bierschank-Ordnung der Welt ist 3700 Jahre alt und wird heute, als Teil des Gesetzbuchs des babylonischen Königs Hammurapi, in Paris stolz im Louvre präsentiert. Bereits 4000 Jahre früher haben womöglich Mesolithiker – ihr griechischer Name bedeutet: Leute der Mittelsteinzeit – in Bayern, der Heimat des Bier-Reinheitsgebots, bereits aus Gerste Bier gebraut: Das ist eines der faszinierenden Ergebnisse der Forschungen des Archäologen Dr. Robert Graf, der beim Verein Arlan über „Spuren der letzten Jäger- und Sammlerkulturen in Südbayern“ in der Fundstätte Haspelmoor (Landkreis Fürstenfeldbruck) referierte, die Gegenstand seiner Doktorarbeit sind.

Peter Geldner, der 1. Vorsitzende des Vereins Arlan (Archäologie in Stadt und Landkreis Landshut) und Monika Weigl, Leiterin des Heimatmuseums Adlhochhaus, freuten sich, sehr viele Gäste zu dem Vortrag willkommen heißen zu können: Der aus dem Landkreis Altötting stammende Robert Graf ist freilich auch kein Unbekannter in Altdorf und im Raum Landshut – als Archäotechniker begeistert er immer wieder Kinder, aber auch Interessierte jeder Altersstufe mit seinen Vorführungen experimenteller Archäologie, vom Feuermachen bis zur Herstellung von Jagdwaffen und Feuerstein-Messern.

Für seine Doktorarbeit hat der Archäologe einen ganz außergewöhnlichen Fundplatz nach allen Regeln der modernsten wissenschaftlichen Methoden der Archäologie und ihrer Hilfsdisziplinen unter die Lupe genommen – einen Ort bei Haspelmoor (Teil der 1400-Seelen-Gemeinde Hattenhofen) auf halbem Weg von Augsburg nach München. Über 4000 Jahre lang haben Menschen der Mittelsteinzeit diesen Ort immer wieder aufgesucht – damals lag die Stelle malerisch auf einer Halbinsel eines kleinen Schmelzwasser-Sees, der während der letzten Eiszeit („Würm-Eiszeit“) beim Rückzug der Gletscher entstanden und später verlandet und völlig vermoort ist.

Jäger des Mesolithikums
Die neuen Umweltbedingungen der Mittelsteinzeit stellten für die zeitgenössischen Europäer eine existenzbedrohende Herausforderung dar: Die Rekonstruktionszeichnung zeigt einen Jäger des Mesolithikums. 
Kaninchen, Enten und Forellen statt Mammuts

Die Jäger und Sammler der Mittelsteinzeit (9600 bis 5600 vor Christus) lockten weniger das lauschige Fleckchen Erde an, sondern vielmehr die handfesten Vorteile: die geschützte Lage und der Reichtum an jagdbaren Tieren – Wasservögel und Fische. Die Mesolithiker hatten es schwer genug: Anders als man sich das heute landläufig so vorstellt, hatten die Eiszeiten für den Menschen auch viele Vorteile. Als sich vor rund 11600 Jahren die Temperaturen innerhalb weniger Menschen-Generationen deutlich erhöhten, war dies für die Europäer des für ihre Begriffe abrupt zu Ende gehenden Eiszeit-Alters keineswegs ein Grund zur Freude.

Hatten sie zuvor noch angesichts riesiger Rentier- und Wildpferde-Herden in punkto Frischfleisch aus dem Vollen schöpfen können, mussten sie nun lernen, erfolgreich Jagd auf Rehe oder Kleingetier machen wie Hasen und Wildenten und Forellen zu fangen, um über die Runden zu kommen. Denn statt der seit Jahrzehntausenden von Jahren gewohnten Kälte-Steppe eroberten nun Bäume und Büsche flächendeckend das Land, die in Südfrankreich und am Mittelmeer viele Epochen lang überwintert hatten. Der tiefgreifende Klima-Wandel und die völlig neuen Lebensbedingungen stellten eine ungeheure Herausforderung für die Steinzeit-Europäer dar.

Was sich damals in Altbayern abspielte in dieser Schicksals-Epoche der Menschheit, das ist bislang weitgehend im Dunkeln. Von einer „Forschungslücke“ sprechen die Wissenschaftler, eine Lücke, die Robert Graf in seiner Dissertation füllt mit Untersuchungen von mehr als 15000 Feuerstein-Funden und Ergebnissen von Analysen der pflanzlichen Überreste aus jener Zeit.
 

Untersuchungen in der Schweiz, Ungarn und Südafrika

Wie Graf erläuterte, besteht die Hinterlassenschaft der Mittelsteinzeit-Leute in großen Teilen aus sogenannten Mikrolithen: Das griechische Wort bedeutet „kleine Steine“. An den Ufern des Haspelmoor-Sees errichten die Mesolithiker offensichtlich immer wieder ein „Basis-Lager“: Hier ließen sich die Sippen regelmäßig nieder, von dem aus die Männer zur Jagd ausschwärmten, aber auch ihre ganze Ausrüstung mit Feuersteingeräten auszubessern, herzustellen und zu erneuern.

Anders als ihre Vorgänger in der Altsteinzeit, die selbst Mammuts zur Strecke brachten, benötigten die Mesolithiker natürlich für ihr Wildbret keine großen Lanzen- und Geschoss-Spitzen, sondern kleinteilige Feuerstein-Stücke für ihre Jagdwaffen. Eines blieb freilich gleich: Die Menschengruppen, die als Jäger und Sammler – in etwa vergleichbar den Prärie-Indianern Nordamerikas – ihr  Leben als Nomaden führten, waren nach den Worten Grafs „hochmobil“.

Nach vielen tausend Jahren festzustellen, wie groß das „Schweifgebiet“, der Lebensraum, der Mesolithiker vom Haspelmoor einst war, stellt Forscher wie den Archäologen Robert Graf natürlich vor große Probleme: Er nahm, um dies wissenschaftlich untermauern zu können, selber so manche Strecke auf sich. Wie er erläuterte, kann dies heute nur anhand der steinernen Hinterlassenschaft der Mesolithiker geklärt werden. Graf zog dazu weltweit renommierte Fachleute in der Schweiz, in Budapest sowie in Südafrika zu Rate.
 

Zuerst die Mass Bier und dann der Laib Brot?

Eine Geologin aus Neuenburg (Neuchatel/Schweiz) konnte Graf auf der Grundlage ihrer einzigartigen Vergleichssammlung an Feuersteinen und Untersuchungen unter einem 3-D-Mikroskop darlegen, woher das Rohmaterial der Feuerstein-Geräte der Leute am Haspelmoor-See stammte. Jeder Feuerstein-Rest hat nämlich, wie Graf ausführte, einen „individuellen Fingerabdruck“. Der Großteil stammte aus dem nördlichen Alpenraum, aber auch die Feuerstein-Lagerstätten von Flintsbach bei Deggendorf, Arnhofen und Baiersdorf bei Kelheim sowie Orte im Tessin, Norddeutschland und Dänemark finden sich auf der Liste.

Die Handelsbeziehungen der Mesolithiker von Haspelmoor reichten freilich weit über Altbayern hinaus: An dem mesolithischen Fundort Purk, wenige Kilometer südlich vom Hattenhofen, ist ein Klingenfragment aus Obsidian zu Tage gekommen, also einem besonders scharfen Gestein vulkanischen Ursprungs. Der Obsidian stammt, wie in einem Atom-Labor in Südafrika mittels Massenspektrometer-Analyse festgestellt worden ist, von der Insel Melos im Ägäischen Meer. „Solche Fernkontakte sind bislang für das Mesolithikum nicht für möglich gehalten worden“, stellte Robert Graf fest.

Aber die vielleicht bedeutendste Erkenntnis, die Graf in seiner Dissertation der Fachwelt und allen Geschichtsfreunden eröffnen kann, ist der Nachweis, dass rund ums Haspelmoor in der späten Mittelsteinzeit Getreide (Gerste) angebaut worden ist – also lange vor der Einwanderung der ersten echten Bauern, der sogenannten Linienband-Keramiker um 5600 vor Christus. Graf stützt damit ältere Forschungsergebnisse, die bisher in der herrschenden Forschungs-Meinung keine Anerkennung gefunden hat. Es geht dabei um die Frage, was der Mensch zuerst produziert hat – Brot oder Bier. Eine ganze Reihe von Forschern vertritt mit guten Argumenten die Meinung, dass sich der Mensch etliche Zeit, bevor er das tägliche Brot zu backen verstand, an der ersten Mass süffigen Biers gelabt hat.

 

 

Die frühen Wittelsbacher

Die Herkunft und der Aufstieg dieses Geschlechtes,
geht der Stamm der Grafen von Scheyern und Wittelsbach bis auf die Karolinger zurück?
Lange Zeit gab es verschiedene Aussagen dazu.

Referent: Hans Jell

Referent Hans Jell
Refernt Hans Jell

Wie bei fast allen bedeutenden Dynastien so ranken sich auch bei den Wittelsbachern manche Ausschmückungen im Stammbaum, meist von Mönchen des Klosters Scheyern angefertigt, um ihre Gründerfamilie und das Herzogshaus damit zu erhöhen.
In der aus dem Beginn des 14. Jahrhunderts stammenden sogenannten Scheyerner  Fürstentafel die in der Fürstenkapelle im Kloster Scheyern hing, stand die hohe Abkunft des wittelsbachischen Hauses. Die Tafel die im 18. Jahrhundert verloren ging, deren Inschrift aber in vielen Abschriften erhalten ist, kann wohl als die älteste überlieferte offizielle Genealogie der Wittelsbacher angesehen werden. Ihr Verfasser war wohl ein Mönch des Klosters Scheyern. In der Tafel stand dass der Stamm der Grafen von Scheyern und Wittelsbach bis auf die Karolinger zurückgehe; Karl der Große sei der Ahnherr des Geschlechts. Sein Urenkel Kaiser Arnulf, Sohn „Herzog“ Karlmanns von Bayern, habe die Burg Scheyern erbauen lassen und Agnes, eine Tochter des byzantinischen Kaisers geheiratet. Bis ins 18. Jahrhundert wurde zäh an dieser These festgehalten, die Wittelsbacher leiteten sich im Mannesstamme von den Karolingern her.
Die direkte Abkunft von den Karolingern wurde aber teilweise bereits von spätmittelalterlichen Chronisten bezweifelt. Veit Arnpeck (ca.1440 - 1495), war der Ansicht der Stammvater der Wittelsbacher sei der Herzog „Leopaldus“, der gegen die Ungarn 907 bei Pressburg fiel und zum Stammvater der Luitpoldinger wurde, die das bayerische Herzogtum bis 947 innehatten. Sein Sohn war Arnulf, von dem die Salzburger Annalen berichten, er habe sich zum „Rex in regno Teutonicorum“ wählen lassen. Der Geschichtsschreiber Aventin (1477-1534) berichtet gleichfalls nichts von einer Abkunft von den Karolingern, er spielt vielmehr auf den Stamm der Skiren hin, der die Herzöge der Bayern gestellt haben soll. Er kam dann mit aller Bestimmtheit zu der Feststellung,
„Der erste Landgraf von Scheyern ist Arnolph. Herzog Arnolphs Sohn ….. hat Scheyern gebaut. Sein Sohn ist Graf Berthold. Der weiter unter ihm gelassen Landgraf Babo von Scheyern……, Babos Sohn ist Landgraf Otto der erste“.
Damit wurde erstmals eine Verbindung der Luitpoldinger mit den Grafen von Scheyern konstruiert, die auch zeitlich mit der Generationenabfolge einigermaßen genau übereinstimmt, oft wurde in späterer Zeit Otto der I. von Scheyern mit Graf Berthold verknüpft.
Mit dem Aufleben der kritischen historischen Forschung im 18. Jahrhundert und der Gründung der Akademie der Wissenschaften 1759 setzte eine intensive Beschäftigung mit dem Ursprung des  Hauses Wittelsbach ein. Jedoch wurden immer wieder sorglos in den Quellen aufscheinende Namen miteinander verbunden, wenn sie nur irgendwie zeitlich angemessen in Beziehung zu setzen waren. Dies blieb so im Grunde bis zur Gegenwart, wo allerdings Kurt Reindel erstmals vorsichtig Zweifel anmeldete (Die bayerischen Luitpoldinger 893-989).
Das geschichtsbewusste 19. sowie auch das 20. Jahrhundert brachten wichtige Quelleneditionen und -Erörterungen heraus, die eine vertiefte Erforschung der Wittelsbacher Genealogie ermöglichten. Bereits 1834 erschien Huschbergs „Älteste Geschichte des durchlauchtigsten Hauses Scheyern-Wittelsbach“, in der sämtliche einschlägigen Quellen ausgebreitet sind, wobei erstmals auch besitzgeschichtlichen Aufzeichnungen breiter Raum eingeräumt wird.
Huschbergs genealogische Konstruktion verbindet die Luitpoldinger, die er mit einer lückenlosen Ahnenreihe mit den Grafen von Scheyern anführt, gleichfalls mit einem Graf Luitpold der um 800 als Graf im Huosigau erscheint.
Noch genauer hat sich im 19. Jahrhundert Graf Luitpold Hector Hundt in seiner Abhandlung mit dem Titel „Kloster Scheyern, seine ältesten Aufzeichnungen, seine Besitzungen“, befasst. Er untersuchte das gesamte Handschriftenmaterial des Klosters Scheyern  aus dem 13. Jahrhundert und kam dabei zum Schluss, dass sich im Priester Konrad von Scheyern zwei Personen verbergen, der Abt Konrad von Luppburg, dem wir das Gründungsbuch verdanken und der Mönch Konrad, auf den die große Zahl der übrigen Folianten zurück geht. Hundt hat in der scharfsinnigen Quellenkritik als erster erkannt, dass das Kapitel 16 der Scheyerner Hauschronik in dem von der Abkunft der Wittelsbacher von Königen und Kaisern berichtet ist, eine Einschiebung des 15. Jahrhunderts in die Tegernseer Handschrift darstellt. Ferner auf zwei weitere, die auf im 13. Jahrhundert im Kloster Scheyern verfertigte „ Ausschmückungen“ zurückgehen, die dann auch in die Scheyerner Klostertafeln Eingang gefunden haben. 
Noch Kurfürst Maximilian I. war von der direkten karolingischen Abkunft seines Hauses so überzeugt, dass er seinen Geschichtsschreiber Markus Welser beauftragte, sie im Einzelnen aufzuführen, aber es gelang nicht.
Wie sich die Fakten im Lauf der Zeiten änderten erfahren Sie im Folgenden. Die Studie von Max Fastlinger brachte dann 1907 einen weiteren Fortschritt. Mit dem Kriterium der Vererbung der Freisinger Hochstiftsvogtei konnte nachgewiesen werden, dass die Grafen von Scheyern besitzgeschichtlich mit einer im 9. Und 10. Jahrhundert im Freisinger und Dachauer Raum begüterten Familie zusammenhängen, die sehr wahrscheinlich der Aribonensippe angehören. Neue Forschungen haben die Ergebnisse Fastlingers bestätigt. Nach Fastlinger war es die ausgewogene Darstellung des Altmeisters bayerischer Landesgeschichtsforschung, Siegmund von Riezler (1927), der der Abstammung von den Luitpoldingern das Wort redet und die Huosi als ferne Ahnherren sieht. Max Spindler hat 1969 unser gesichertes Wissen über die Genealogie der Wittelsbacher zusammengefasst,
„Die Abstammung der Wittelsbacher von den Luitpoldingern darf …. als gesichert gelten. Die Ableitung von den Huosi….. hat ….. an Glaubhaftigkeit gewonnen„
 

Die gesicherten Fakten

Urkundlich gesicherter Ahnherr des Wittelsbachischen Hauses, von dem sich eine lückenlose Stammreihe bis in die Gegenwart aufstellen lässt, ist bekanntlich ein „comes Otto des Skyrun“, der im Traditionsbuch des Hochstifts Freising seit der Mitte des 11. Jahrhunderts bis etwa 1078 als Hauptvogt der Freisinger Kirche auftritt. Am 13. Januar 1040  lag „Bozinwanc“ im Kelsgau in seinem Komitat. Er war in zweiter Ehe nach 1040 mit Haziga, einer Schwester des Grafen Gebhard I. von Sulzbach, einer Witwe des Grafen Hermann von Kastl verheiratet. Haziga gründete bekanntlich mit ihren Söhnen Bernhard, Ekkehard und Otto, nachdem sie vorher eine Mönchszelle (Margarethenzell, heute Bayrisch-Zell) hatte errichten lassen, 1077 das Kloster Fischbachau, das um 1100 auf die Burg „Glaneck“ bei Eisenhofen, einem Gemeinschaftsbesitz der Grafen Otto von Scheyern und Berthold von Burgeck transferiert wurde.
Eine romanische Kirche steht dort als Denkmal noch immer, um 1120 fand das Kloster eine endgültige Heimat auf der Stammburg Scheyern.
Ekkehards Sohn Otto nennt sich am 13.Juni 1116 erstmals nach Wittelsbach und wird am 25.Juni 1120 Pfalzgraf von Bayern genannt. Der Hauptgründer der Stifte Indersdorf und Ensdorf wird damit zum Begründer der wittelsbachischen Hauptlinie der Grafen von Scheyern. Seine Gemahlin ist Heilika, Tochter Friedrichs von Pettendorf/Lengenfeld. Otto starb am 4. August 1156. Sein Sohn ist Pfalzgraf Otto d.Ä., geboren 1117, gestorben am 11.Juli 1183, seine Grablege befindet sich im Kloster Scheyern. Otto V. war ein enger Verbündeter von Kaiser Friedrich Barbarossa, mit 200 Rittern eroberte er 1155 die Veroner Klause. Dort hatte der Veroneser Nobile „Alberich“ einen Hinterhalt angelegt hatte, um Lösegeld und Waffen zu fordern. Durch Ottos Einsatz konnte der Kaiser ungehindert zurück ins Stammland ziehen.
Zur Belohnung für seine Treue wurde Otto am 16.August 1180 in Altenburg nach der Absetzung von Herzog Heinrich des Löwen mit dem Herzogtum Bayern belehnt.
Er nennt sich 1156 auch nach der Burg Wartenberg, seine Gemahlin war Agnes, die Tochter des Grafen Ludwigs III. von Loon und Rieneck, der auch Burggraf von Mainz war. Seit etwa 1100 nennt sich Arnold von Scheyern, der Sohn Ottos aus erster Ehe, nach der Burg Dachau. Er wird damit zum Begründer der Linien Dachau (1180 ausgestorben) und Valley (1280 ausgestorben). Im folgendem werden nur die wichtigsten gesicherten Fakten angeführt, weil sie für besitzgeschichtlich-genealogische Rückschlüsse von Bedeutung sind. Graf Otto, der Gemahl der Haziga, erscheint erstmals um 1050 als Vogt des Freisinger Bischofs Nitker, ca. 1060 auch als Vogt des Freisinger Domkapitels.
Um 1080 tritt sein Sohn Ekkehard als Vogt von Weihenstephan auf. Seit ca. 1130 sind diese Vogteien in den Händen des Pfalzgrafen Otto I. von Wittelsbach vereinigt, der auch Vogt seiner Gründungsklöster Indersdorf und Ensdorf sowie des Hausklosters Scheyern ist. Graf Ekkehard II. ist 1116/17 als Schirmvogt des Klosters Ebersberg bezeugt. Pfalzgraf Otto I. übt die Vogtei über Kühbach und Geisenfeld aus. Die bayerische Pfalzgrafschaft erhielt Graf Otto nach 1110 bzw. spätestens 1120. Der damit verbundene Besitz wohl Reichsgut ist noch nicht genügend erforscht. Was den Grafschaftsbesitz betrifft, so konnten die bisherigen Untersuchungen keine hinlängliche Klarheit erbringen. Die Bedeutung der Vogteien über das Hochstift Freising und dessen Eigenklöster, für die Auflösung von Grafschaften und die Bildung territorialer Landgerichte konnte sehr deutlich nachgewiesen werden. Den besten und vollständigsten Einblick in den grundherrschaftlichen Besitz der Wittelsbacher gewährt das erste herzogliche Saalbuch aus der Zeit um 1230. Im Stammland der Wittelsbacher führt es Grundherrschaften und Vogteien in den Ämtern Dachau, Aichach, Pfaffenhofen und Landshut an, letzteres in eine größere Zahl von Schergen-Ämtern untergliedert die hauptsächlich im Erdinger Raum liegen.

 

Die Herkunft von den Luitpoldingern

Dass die Grafen von Scheyern von den Luitpoldingern des 10. Jahrhunderts abstammen, wird vom 13. Jahrhundert bis heute vertreten. Der älteste Gewährsmann hierfür ist Bischof Otto I. von Freising (1115-1158), der als fünfter Sohn des Babenbergers Leopold III. Markgraf von Österreich um 1115 geboren wurde. Dieser Bischof Otto hatte bekanntlich unter den wittelsbachischen Schirmvögten sehr zu leiden.
Dies war ein Grund, warum er in seiner sich durch größte Sachlichkeit verfassten Weltchronik seinem Herzen über die Wittelsbacher Vögte Luft machte. Hier ist interessant, dass Otto bei der Schilderung des Verrates von 955 (Hunnenschlacht auf dem Lechfeld) als Verräter einen Grafen von Scheyern nennt, dessen Erben ein Teil des konfiszierten Gutes mit der Burg Scheyern überlassen wurde. Nach Otto von Freising wird dieser Vorgang auch im Chronicon Schirense des Abtes Chuonrad (1205-1241) geschildert, wobei als Verräter ein Graf Wernher erscheint, der zu den Grafen Scheyern gerechnet wird. Dieser Wernher kämpfte zur Zeit Bischof Ulrichs von Augsburg auf dem Lechfeld mit den Ungarn gegen den Kaiser Otto, weil dieser Kaiser seine Güter und sein Vaterland durch die Acht wegen eines Treuebruches  für verlustig erklärte. Wie Reindel gezeigt hat, wurde diese Begebenheit von fast allen spätmittelalterlichen Chronisten übernommen bis hin zu Aventin. Beim Humanisten Aventin klingen erste Zweifel an, allerdings nur an  der Tatsache des Verrats ansonsten ist er durchaus der Ansicht, dass der erste „Landgraf von Scheyern ist Arnulph, Herzog Arnulphus Sohn, von Kaiser Otto dem ersten des Herzogtums Bayern entsetzt, hat Scheyern gebaut. Dessen Sohn ist Berthold“.
Ein großer Teil der bayerischen Historiker und Genealogen hielten in der Folgezeit an der luitpoldinischen Abkunft der Grafen von Scheyern fest, die meisten Münchner Akademiker des 18. Jahrhunderts,  Huschberg, Haeutele, Riezler, Doeberl, Tyroller, zuletzt auch Max Spindler (1969)  wenn er in seinem Handbuch schreibt: „Den Zeitgenossen Herzog Ottos I., für die Bischof Otto von Freising als Kronzeuge gelten kann, war die Abstammung der Wittelsbacher von den Luitpoldingern eine Selbstverständlichkeit“.
Es besteht keine Veranlassung, einen durch Herkunft und Bildung so hervorragenden Gewährsmann wie Bischof Otto in diesem Punkte zu misstrauen und sein Zeugnis abzulehnen. Die Abstammung von den Luitpoldingern darf daher, auch wenn sie nur chronikalisch bezeugt ist und ihr die urkundliche Verbürgtheit fehlt, als gesichert angenommen werden. Was die Glaubwürdigkeit Ottos von Freising betrifft, so scheint sie durch den Bericht des Anonymus Hasserensis (nach 1075)  noch bestätigt zu werden, als wir es bei den Grafen von Scheyern im 11. Und 12. Jahrhundert mit einem äußerst angriffslustigen Geschlecht zu tun haben. Im Übrigen ist kaum anzunehmen, dass Bischof Otto im Zorn so weit gegangen wäre, seinen Vogt zu verleumden, indem er ihn mit dem Verräter der Lechfeldschlacht in Verbindung bringt. Das Geschlecht das 947 des Herzogtums Bayern entsetzt wurde, hat knapp es 250 Jahre später wieder erhalten. Riezler sieht darin nichts Überraschendes, sondern nur eine Bestätigung für die mittelalterlichen Zustände. Seit dem Sturze der Agilolfinger ist es ja den Königen nie wieder gelungen, die Macht einer hervorragenden Sippe des bayerischen Adels  dauernd zu brechen.


Das Erbe der Grafen von Ebersberg

Seit Huschberg und Riezler ist bekannt, dass ein Großteil des Besitzes der 1045 ausgestorbenen Grafen von Ebersberg „eines der ältesten  und berühmtesten Geschlechter“ an die Grafen von Scheyern gekommen sein muss. Die wohl wichtigste Schenkung Kaiser Arnulfs an seinen „cousan “ Graf Sighart war das  „fiscale Forum Sempt“ am Nordrand des Ebersberger Forstes. Die Krönung der herrschaftlichen Konzentrationsbewegung des Grafen Sighart war die Errichtung der Burg Ebersberg gewesen, die sein Enkel Eberhard 933 verstärken ließ um dort im folgendem Jahr ein Hauskloster zu gründen.
Neben dem Kloster Ebersberg verdanken diesem Geschlecht noch zwei weitere Klöster ihre Gründung, Kühbach bei Aichach- Wittelsbach 1011 durch Graf Adalbero und Geisenfeld bei Scheyern-Pfaffenhofen 1037 durch Graf Berhard II. Die Herrschaft der Ebersberger stellte nach von Volckamer im Pfaffenhofener Raum vermutlich eine allodialisierte Grafschaft dar, die allerdings Reichslehen gewesen sein muss. Josef Sturm hat seinerzeit nachgewiesen, dass das reiche Hausgut der Ebersberger Grafen zum Teil aus ursprünglichem Fiskalbesitz stammt. Nach dem Übergang an die Grafen von Scheyern ist der nördliche Teil mit der neuen Burg Wartenberg im Besitz der pfalzgräflichen Linie, der südliche in den Händen der 1238 ausgestorbenen Linie Valley, die das Kloster Schäftlarn bevogtet und das Kloster Bernried gegründet hat.
Im ehemaligen Herrschaftsgebiet der Grafen von Ebersberg und der Aribonen sind die Dynastenburgen Scheyern, Wittelsbach, Dachau, Wartenberg und Valley, die meist in der Nähe der älteren Zentren liegen, wobei nicht ausgeschlossen ist, dass sich dort bereits Burganlagen ihrer Besitzvorgänger befanden. Diese neuen Burgen sind, Stützpunkte für die frühe dynastische Territorialpolitik der  Wittelsbacher zur Beherrschung ihrer vielen Vogteien vor allem gegen den Bischof von Freising, der sich dadurch geradezu eingekreist fühlen musste.
Das vermutlich älteste Wappen der Grafen von Scheyern, der Sparren oder Zickzack-Balken, den noch die ersten Herzöge führten, lässt keine Rückschlüsse auf die Abstammung zu. Gleichfalls sagt das Wappen der Pfalzgrafen von Wittelsbach, ein Adler, nichts über ihre ständische Herrschaft aus. Reitersiegel mit dem Zickzackbalken im Schild begegnen uns erstmals bei den Herzögen Ludwig I. und dem Otto II.
 

Die Wende um 1170

Die Lage der wittelsbachischen Machträume - zwischen Paar und Ilm, um Wartenberg, Ebersberg, Kehlheim, zwischen  Ensdorf und Burglengenfeld - das ist etwa auch das Gebiet, in dem wir den Pfalzgrafen Otto und seine Söhne am häufigsten antreffen.
Dies zeigen die Urkunden der dort gelegenen Hochstifte und Klöster, wir wollen dieses Gebiet als Aktionsraum der Wittelsbacher bezeichnen. Es erstreckt sich vor allem im Westen Altbayerns und lässt sich um ca. 1170 ungefähr folgend abgrenzen: im Süden durch die Linie Augsburg - München- Ebersberg, im Osten durch die Linie Ebersberg-Regensburg, im Norden reicht er bis Kehlheim und in einer schmalen Zone zwischen Naab und Vils, im Westen berührt er den Rand des Lechfeldes. Obwohl die Wittelsbacher als Pfalzgrafen für das ganze Herzogtum Bayern zuständig waren, haben sie sich offensichtlich auch in der Ausübung dieses Amtes auf ihren Aktionsraum beschränkt, vermutlich, weil sie nur hier die Mittel besaßen, mit denen sie ihren Willen durchsetzen konnten.
Wir haben hierfür eine Bestätigung in dem Testament des Pfalzgrafen Friedrich von 1168, aus den Urkunden des Klosters Indersdorf. Dieser hielt sich bei seinen Schenkungen an die verschiedenen Klöster streng an einen mittelalterlichen Rechtsbrauch, indem er seine Güter den Stiften nicht direkt widmete, sondern sie gewissen Mittelsmännern, sogenannten Salleuten übergab, die sie einige Zeit behalten durften.
Diese Gepflogenheit sollte die Unanfechtbarkeit der dargebrachten Besitzungen demonstrieren, sowie aber Leuten, die sich benachteiligt fühlten, die Möglichkeit geben, Einspruch zu erheben. Es ist klar, dass zu einer solchen Aufgabe nur vertrauenswürdige und erprobte Adlige herangezogen wurden, die beiden Parteien, dem Schenker wie dem Beschenkten, genehm waren. Deshalb befinden sich unter den Salleuten Friedrichs auch keine Wittelsbacher  Dienstmannen.
Das Testament beginnt mit folgender Präambel:

„Notum sit Omnibus fidelibus tam prefentibus quam futuris, qualiter ego fridericus Palatinus pergens Jerosoliman secundo ad fisilandum Dei sepulerum gloriosem, ut habeam partem in resurrectione prima, disposui pro salute anime et parentum meorum predium in Gündelkofen„………usw.

Bekannt sei allen Gläubigen, sowohl den derzeit als auch in Zukunft lebenden, dass ich Pfalzgraf Friedrich, wegen meiner zweiten Reise nach Jerusalem, um das ruhmreiche Grab des Herrn zu besuchen, auf dass ich an der ersten Auferstehung teilnehme, zum Heil meiner Seele und meiner Eltern verteilt habe das Landgut Gundilkofen und die Weinberge mit allem, was dazu gehört und mit allem Recht und das Gut in Witramesdorf gegeben in die Hände meiner Brüder Otto dem älteren und dem jüngeren, falls ich nicht zurückkehre, als Abfindung für alle, die über mich Klage führen, falls ich nicht den Wunsch äußere, dass anders darüber verfügt werden soll. Nachdem aber alles nach dem Rat tüchtiger Männer geordnet und schriftlich ausgearbeitet worden ist, soll Gundilkofen an Ensdorf ( Kloster Ensdorf bei Schwandorf) das oben angeführt wurde gegeben werden. Witramisdorf (Widdersdorf) soll gegeben werden an Kloster Moosburg ….usw. Natürlich kann ich hier nicht den  gesamten des Inhalt  Testamentes wiedergeben, es würde zu viel Zeit in Anspruch nehmen. Außer den Brüdern Friedrichs die bereits genannt wurden, gab es noch eine weitere Reihe von Edlen wie Ilsung von Wettstetten bei Ingolstadt, Wolf von Göglbach, Ulrich von Lochhausen damals noch vor München,Eberhardt von Randeck ob Neuessing an der Altmühl, Burghart von  Stein südlich Riedenburg, Konrad von Tegernbach, die Brüder Heinrich und Hohold von Schaumburg an der Isar östlich von Landshut, Wignand von Weiterskirchen nahe Glonn bei Ebersberg, Gundbold von Meilenhofen und Heinrich von Empfenbach beide im Raum Mainburg, Otto von Aschheim und Adalbero von Bruck beide südöstlich von München, Wernher von Giersdorf bei Kehlheim und Hadamar von Ahausen Raum Landau a. d. Isar. Zur Bamberger Dienstmannschaft gehören wohl Herrant und Dietmar von Ergolding, zur Freisinger Heinrich von Zustorf, Eberhart von Neuharting und Fortlieb von Schweinersdorf, zur Regensburger Kuno von Luckenpaint, Adalbert und Wernhart von Schierling.
Wenn wir dieses Verzeichnis betrachten, so fällt uns auf, dass Adelige aus dem Raum zwischen Ilm und Paar und auch aus der Gegend von Indersdorf völlig fehlen, obwohl Friedrich dort als Laienmönch ins Kloster eingetreten war. Stattdessen finden wir Männer aus Gegenden, die schon weit außerhalb des Aktionsraums liegen, z.B. Ilsung von Wettstetten. Es verwundert auch, wie weit im Osten manche Salleute Friedrichs zu finden sind. Jedoch gab es bereits im frühen 12. Jahrhundert einen Mann des Herzogs in Eggmühl, so ergibt sich, dass sich damals um Eggmühl, Mannsdorf und Schierling - alle drei Orte liegen etwa 10 km nordwestlich von Mallersdorf - ein neuer Machtraum der Wittelsbacher zu bilden begann. Um die Zeit, als Friedrich sein Testament verfasste, geriet anscheinend die Machtpolitik der Wittelsbacher wieder in Bewegung. Die Pfalzgrafen haben ihren Herrschaftsbereich nach Osten erweitert, aber nicht nur durch den Gewinn von neuen Stützpunkten oder Ministerialen, sondern durch die Ausdehnung ihrer Gerichtshoheit. In ihrer Eigenschaft als Richter waren sie ja zugleich für die Adeligen anderer Stände zuständig.
Auch eine Ensdorfer Schenkung aus der Zeit um 1170 verdient in diesem Zusammenhang Aufmerksamkeit. In diesem Kloster werden stets fast alle Ministerialen der Pfalzgrafen geschlossen aufgeführt und nicht selten auch als solche bezeichnet. Bei der Schenkung des Bamberger Ritters Odalschalk von Berghausen bei Mainburg haben wir plötzlich eine gemischte Zeugenreihe, zwischen Leuten, die man eindeutig als wittelsbachische Dienstmannen bezeichnen kann, wie Rudiger von Schrobenhausen, Ulrich „Rewan“, Ortlof von Thanheim, Hartlieb von Giesenbach, stehen Adlige aus Burgrain, Siegenhofen, Leidersdorf und anderen Orten. Die Zugehörigkeit dieser Leute zur Ministerialität der Pfalzgrafen galt bisher als nicht erwiesen. Ob freilich die Pfalzgrafen hier plötzlich einen Zuwachs an Ministerialen zu verzeichnen hatten, muss offen bleiben.
Auch die Entwicklung des Klosters Schäftlarn verdient Beachtung. Dieses Kloster hatte Bischof Otto I. von Freising 1140 reformiert und von Grund auf erneuert, auch die Burg Beigarten am Isarhang gegenüber hatte er mit einer neuen Besatzung versehen. Also auch hier jene Kombination von Burg und Kloster, überwacht von Ministerialen, die als Keimzelle des Landesfürstentum gelten kann. Seinen Hauptfeind, den Pfalzgrafen Otto, hat der Bischof nie in diese Herrschaft hereingelassen. Auch dessen Söhne Otto und Friedrich werden nur einmal erwähnt, nämlich zu Beginn des 2. Kreuzzuges. Erst nach zwanzig Jahren, in dem kritischen Zeitraum 1167/71, stellt  sich Pfalzgraf Otto II. wieder im Kloster ein. Nur wenige Männer aus seinem Gefolge werden als Zeugen genannt, jedoch zeigt ihre Erwähnung eine Veränderung an.
Hier vernehmen wir erstmals, dass pfalzgräfliche Ministerialen Hofämter bekleiden. Marschall und Truchsess sind ausdrücklich bezeugt, so entsteht die Vermutung, dass damals nicht nur die Hofämter eingeführt, sondern auch eine Neuorganisation der Dienstmannschaft vorgenommen wurde. Bemerkenswert ist weiterhin, dass die Pfalzgrafen seit 1173/74 in Schäftlarn ein- und ausgehen, als wäre es ihr eigenes Kloster. Während wir also im Lager der Wittelsbacher um 1170 einen Zuwachs von Dienstmannen feststellen können, nimmt die Zahl der Freisinger Ritter ab. Unter Bischof Otto I. (1138-58) waren es über 200 Mann, unter Bischof Otto II. (1184-1220) nur noch 111 Mann. In meinem Vortrag über das Landgericht Erding im letzten Jahr haben Sie bereits einiges über den Wechsel von Freisinger Ministerialen zu den Wittelsbachern im Raum Landshut erfahren.
Die Burg Wartenberg war  mit einem Burghauptmann besetzt, bereits um 1138 erscheint der Ministeriale „Konrad von Wartenberg“ als pfalzgräflicher Richter. Die Wittelsbacher Pfalzgrafen haben seit 1130 mit dem Sitz auf der Burg Wartenberg ihren Besitz und Einfluss in Richtung Osten kontinuierlich ausgebaut. Durch das Erlöschen der Edlen von Lern (Berglern) um 1105, kam der Pfalzgraf in den Besitz deren Güter in Lern und Umgebung. Nach der Belehnung mit dem bayr. Herzogtum 1180, wurde der Raum östlich von Erding mit dem Holzland und entlang der Isar bis Landshut nun kontinuierlich mit Wittelsbacher Ministerialen ausgebaut. Die eingesessenen Dynastien zu überwinden und zu beerben, die Andechser, Kraiburg - Ortenburger, die Falkensteiner, Wasserburger, die Steflinger und Cham - Vohburger. Dann die Bischöfe, wenn sie schon nicht landsässig zu machen waren, in engsten Räumen einzuschnüren, das war den ersten drei Generationen der wittelsbachischen Herzöge eine energisch zur rechten Zeit vollbrache Aufgabe.
Nach dem Tod von Herzog Otto I. 1183 bei Pfullendorf, er war an der Seite des Kaisers in Konstanz, als der Vertrag mit den lombardischen  Städten geschlossen wurde, verlor die Burg Wartenberg an Bedeutung.
Abt Hermann aus Niederalteich berichtet 1204, dass Ottos  Sohn Herzog Ludwig I. (Ludwig der Kelheimer) (1183-1231) im Jahre 12o4 die Stadt Landshut und die Burg Trausnitz erbaute, die dann zum Stammsitz der Wittelsbacher Herzöge wurde. Ludwigs Initiative liegt ganz im Rahmen seiner Politik: die Städte und Märkte, die er gründete und förderte, waren Bausteine des neu zu schaffenden Staates. Burgen aber wurden zu Stützpunkten der Herzogsmacht, gegen die Konkurrenten in der Auseinandersetzung um die Landesherrschaft. Die Burg Trausnitz zielte mit Sicherheit auch gegen den Bischof von Regensburg, der weiter abwärts an der Isar die Straßburg besaß.
Im Jahre 1255 kam es dann zur Teilung des Herzogtums, Heinrich der XII. (1253 - 1290) erhielt Niederbayern als seinen Anteil und machte Landshut zu seiner Haupt- und Residenzstadt des Teilherzogtums.
Wir können ab der Mitte des 11. Jahrhunderts  eine stetige Entwicklung der Wittelsbacher Grafen feststellen.
Mit der Belehnung 1180 mit dem bayerischen Herzogtum durch Kaiser Friedrich Barbarossa, begann die Herrschaft der Wittelsbacher in Bayern und hatte nahezu ein dreiviertel Jahrtausend bis zur Revolution 1918 nach dem 1. Weltkrieg Bestand.
Mit den prägenden Wirkungen welche die Herzöge, Kurfürsten und Könige aus dem  Haus Wittelsbach auf die Entwicklung von Staat und Gesellschaft in Bayern ausübten, entstand ein modernes Staatswesen das seines gleichen in Europa sucht.

Literaturverzeichnis:
Kurt Reindel, Die bayerischen Luitpoldinger 893-989
Hubert Glaser, Beiträge zur Bayerischen Geschichte und Kunst
J.F. Huschberg, Älteste Geschichte des Hauses Wittelsbach
Graf Luitpold Hundt, Kloster Scheyern, seine ältesten Aufzeichnungen, seine Besitzungen
Max Fastlinger, Gerhard Florschütz, Pankraz Fried, Sigmund von Riezler, Max Spindler, F. Tyroller

Hans Jell, Taufkirchen im Juni 2014

 

 

Eine Begegnung (mit) der anderen Art
Archäologin Amira Adaileh referierte in Altdorf über Neandertaler und Homo sapiens

Ein Bericht von Susanne Hollmayer

 

Weit zurück in die Geschichte der Menschheit reichte das letzte Vortragsthema des Historischen Forums Altdorf. Der Neandertaler als nächster Verwandter zu unserer Gattung des anatomisch modernen Menschen dürfte jedem bekannt sein, vielleicht auch, dass dieser in etwa zu der Zeit ausstarb, als unsereins in Europa auftauchte, nämlich etwa vor 40.000 Jahren. Doch wie sah die Übergangszeit vom Neandertaler zum modernen Menschen aus? Was sagen ihre Hinterlassenschaften aus Stein über sie aus? Konnten die beiden Menschenarten miteinander etwas anfangen, oder gingen sie sich lieber schweigend aus dem Weg? Und wieviel Neandertaler steckt heute noch in uns? Die junge Archäologin Amira Adaileh nahm die zahlreich erschienenen Gäste im Altdorfer Bürgersaal mit auf eine spannende Forschungsreise über die Entwicklung des Menschen.

Amira Adaileh, Peter Geldner, Monika Weigl, Rupert Wimmer
Freuten sich über den archäologischen Abend: Referentin Amira Adaileh, ArLan-Vorstand Peter Geldner, Historisches-Forum-Organisatorin Monika Weigl und Rupert Wimmer von der Gesellschaft für Archäologie in Bayern

Museumsleiterin Monika Weigl freute sich sehr über den Vortrag von Amira Adaileh, ist die frühe Menschheitsgeschichte doch ein Lieblingsthema der Landshuter Archäologie-Freunde. Für die Realisierung der renommierten Vortragsreihe bedankte sie sich bei den Vertretern der Sponsoren des Historischen Forums, Ida Forster vom Altdorfer Heimat- und Museumsverein, Rupert Wimmer von der Gesellschaft für Archäologie und Peter Geldner vom Verein ArLan.

Die Archäologin Amira Adaileh aus Landshut schreibt gerade an der Universität Erlangen ihre Doktorarbeit über die ältere Steinzeit und gestaltet die museumspädagogischen Angebote im Altdorfer Adlhoch-Haus mit. Anschaulich beschrieb sie, wie der Neandertaler, abstammend von Vorfahren aus Afrika, sich in Europa entwickelte und ausbreitete, und wie der in Afrika entstandene anatomisch moderne Mensch nach Europa einwanderte – Prozesse, die die Archäologie und die Anthropologie rekonstruieren können. Die ältesten Knochenfunde des Neandertalers stammen aus der Zeit um 300.000 vor heute, während es die frühesten Fundstellen des modernen Menschen in Afrika auf ein Alter von 195.000 Jahren bringen.

Der Neandertaler, benannt nach der berühmten Fundstelle im Neandertal bei Düsseldorf, wurde lange Zeit als tierartiges, eher primitives Wesen dargestellt. Diese Vorstellung hat sich längst geändert - die Ergebnisse der Wissenschaft leisteten dazu ihren Beitrag. Der Fund eines Zungenbeins beweist, dass die Neandertaler sprechen konnten, auch die Forschungen von Genetikern weisen darauf hin.

Auch soziales Verhalten und mit Riten verbundene Vorstellungen kann die Archäologie bei unseren Vorfahren erkennen, so Amira Adaileh. Dass Kranke und Verletzte gepflegt wurden, zeigen Knochen mit verheilten Verletzungen, und Ausgrabungen mit neuen Methoden belegen, dass Neandertaler für ihre Nächsten Gräber mit Blumenschmuck anlegten. Auch waren sie sehr wohl fähig zu abstraktem Denken – genau das hatten sie nämlich nötig, um ihre vielseitig verwendbaren Steingeräte herzustellen. Die Technik, die sie anwendeten, um Abschläge von einem Stein zu gewinnen, setzte eine Menge schon vorher geleisteter Denkarbeit voraus, wie die Doktorandin betonte. Weitergeben ließen sich solche Vorgänge nur über die Sprache.

Weiter erklärte Amira Adaileh die Theorien, die darauf schließen lassen, dass die Ursprünge von uns Europäern in Afrika liegen. Mit dem modernen Menschen kam die Kunst nach Europa – Beispiele hierfür sind die Venus vom Hohle Fels oder der Löwenmensch aus dem Lonetal in der Schwäbischen Alb. Der moderne Mensch verwendete zur Gewinnung von Steinabschlägen eine andere, wirtschaftlichere Technik als der Neandertaler, außerdem wiesen seine Steinwerkzeuge eine größere Spezialisierung auf. Die Abschläge waren eher lang und schmal, die des Neandertalers eher breit. Die „Übergangsindustrien“, die zu dieser Zeit an vielen verschiedenen Stellen in Europa in Erscheinung treten, weisen eine Vermischung der Abbaukonzepte von Neandertaler und modernem Menschen auf, daneben auch Neuerungen wie Schmuck und Knochenspitzen.

Archäotechniker Robert Graf, Blattspitze in Arbeit
Blattspitze und Pfeilspitze
Eine Blattspitze, in Arbeit, in der Werkstatt von Archäotechniker Robert Graf
Eine Blattspitze, fertig, in der Werkstatt von Archäotechniker Robert Graf (unten Mitte)

Als gemeinsames Merkmal der Übergangsindustrien stellte die Landshuter Wissenschaftlerin die Blattspitzen vor. Diese Steinobjekte, die in Europa bis zu 30 cm lang werden konnten, geben der Forschung bis heute Rätsel auf. Eine Deutung als Bewehrung von Speeren erscheint für die ganz großen Exemplare nicht sinnvoll.

Neueren Untersuchungen nach hatten die Blattspitzen gar keinen praktischen Zweck – demnach waren sie reine Prestigeobjekte. Bei der Erforschung tun sich die Archäologen manchmal schwer, denn die Form tauchte 20.000 Jahre später wieder auf. Oft gibt es nur Bruchstücke, die auch zu anderen Werkzeugen ergänzt werden könnten, so die Archäologin.
Anschließend ging Amira Adaileh auf die Möglichkeiten der modernen Genfoschung ein, die voraussichtlich in Zukunft noch interessante Ergebnisse liefern wird. Voraussetzung dafür ist ein entsprechend guter Erhaltungszustand der Knochen – bei Knochen aus älteren Ausgrabungen ist das meist nicht der Fall. Das Genom des Neandertalers ist jedenfalls bereits zu etwa zwanzig Prozent entschlüsselt. Überraschend zu hören war für die Gäste, dass die Geninformationen für helle Haare, helle Haut und blaue Augen wahrscheinlich vom Erbgut des Neandertalers stammen – der moderne Mensch hatte diese nicht, als er in Europa ankam.
Spannend ist die Frage, wie die beiden Menschenarten wohl miteinander umgingen, als sie nebeneinander existierten. Amira Adaileh ist sich sicher, dass sie miteinander kommunizierten. Und nachdem ein bisschen Neandertaler in uns weiterlebt, haben sie sich wohl auch untereinander vermischt. Hierzu gibt es viele verschiedene Theorien. Eine davon besagt, dass eine solche Verbindung nur Kindersegen brachte, wenn sich eine moderne Frau und ein Neandertaler-Mann zusammentaten. Bei einem außergewöhnlichen Projekt wurde sogar das Becken einer Neandertaler-Frau rekonstruiert, um Rückschlüsse auf Schwangerschaft und Geburt ziehen zu können.
Die Gäste des Historischen Forums bedankten sich bei der Referentin mit viel Applaus für den aufschlussreichen Vortrag über mehrere Jahrhunderttausende Menschheitsgeschichte. Amira Adaileh hatte an diesem Abend für jeden verständlich nicht nur aktuelles Wissen, sondern auch die Ergebnisse neuester Studien und Forschungsprojekte vermittelt. Zum Abschluss verwies die Archäologin auf eine moderne Nachbildung des Neandertalers aus dem Neandertalmuseum im nordrheinwestfälischen Mettmann: Dort hält unser als Geschäftsmann gekleideter Vorfahr seinen Feuersteindolch wie ein Smartphone in der Hand. Wie wirkt dieser Herr wohl auf die Museumsbesucher? Eine Begegnung der anderen Art wäre allerdings auch im Landkreis Landshut möglich: Die anschließende Fragerunde ergab, dass die Archäologen auch bei uns im Landkreis Landshut theoretisch auf Knochen des Neandertalers stoßen könnten.

 

 

 

Kontinuität und eine Überraschung
Jahreshauptversammlung von ArLan samt Neuwahlen der Vorstandschaft

Ein Bericht von Susane Hollmayer

Auf ein bewegtes Vereinsjahr blickten die Mitglieder von ArLan – „Archäologie in Stadt und Landkreis Landshut“ kürzlich bei der Jahreshauptversammlung zurück. Das Treffen im Ergoldinger Gasthaus Proske war wie immer bestens besucht. Bei den Neuwahlen des Vorstands blieb fast alles beim Alten, mit einer Ausnahme: Die 25-jährige Susi Weigl übernahm das frei gewordene Amt des Kassiers. Eine Präsentation mit Filmen und Bildern erinnerte an Ehrenmitglied Werner Hübner, der letztes Jahr im Mai 91-jährig verstorben war.

Arlan Vorstandsmitglieder
ArLan-Vorstand mit neuem Gesicht: V.l.n.r.: Schriftführer Siegfried Ramsauer, 2. Vorsitzende Monika Weigl, 1. Vorsitzender Peter Geldner, Kassenwart Susi Weigl, Kassenprüfer Rupert Forster

Peter Geldner berichtete über die Vorstandssitzungen seit der letzten Jahreshauptversammlung und gab damit einen Überblick über das Vereinsgeschehen des letzten und dieses Jahres. Er erinnerte zunächst an die Feier im Altdorfer Museum Adlhoch-Haus zu Ehren Werner Hübners im April 2013. Werner Hübner hatte sich durch seinen Einsatz für die Archäologie international Anerkennung bei Fachleuten erworben. Bei Feldbegehungen und Wanderungen, aber auch mittels Vorträgen hatte er sein immenses Wissen über die Geschichte unserer Region immer wieder an viele Menschen weitergegeben und sie dafür zu begeistern vermocht. Wenige Wochen vor seinem Tod war er zum Ehrenmitglied ernannt worden, was ihm sehr viel Freude bereitet hatte, wie der ArLan-Vorsitzende sagte.
Großes Lob erhielt Vereinsmitglied Alfred Geisselmann, der für ArLan einen Flyer konzipiert hat und die von ihm erstellte Homepage www.arlan.de betreut. Die Homepage, so Peter Geldner, wird durch die laufende Pflege immer besser und umfangreicher, und als eine Art Sammelstelle für historische, archäologische und heimatkundliche Themen der Region bietet sie einer breiten Öffentlichkeit wertvolles Wissen. Der Vorsitzende bedankte sich an dieser Stelle beim Binabiburger Heimatkundler Peter Käser, der die Homepage um zahlreiche Orts- und Familiengeschichten aus dem südlichen Landkreis und der Stadt Landshut bereicherte, und bei Karl Dengler, der seine Studie über den Pater und Botaniker Candidus Huber der Homepage zur Verfügung stellte. Auch Werner Hübner hatte seine Bücher „Wanderungen in die Zeit“ und „Römerstraßen im Isartal“ der ArLan-Seite überlassen.
Froh zeigte sich Peter Geldner über die Gründung und das Engagement des Vereins „Freunde der Altstadt“, der sich für den Erhalt denkmalgeschützter Häuser in Landshut einsetzt. Denn nicht nur der Schutz von Boden-, sondern auch von Baudenkmälern gehört zu den Zielen von ArLan. Ein an die Landshuter Parteien versandter kritischer Artikel über den problematischen Umgang mit denkmalgeschützten Landshuter Gebäuden hatte gemischte Reaktionen hervorgerufen – allerdings stellte Peter Geldner auch fest, dass durch den gemeinsamen Einsatz mittlerweile auch in der Landshuter Politik sorgfältiger mit diesem Thema umgegangen werde. Durch das Engagement von Petra Seifert, die am letzten Vereinsabend über das Thema „Juden in Landshut“ referiert hatte, wurde der Moserbräu als schützenswertes Denkmal eingestuft.
Für die Bibliothek, die Werner Hübner dem Verein hinterlassen hat, werde noch immer nach einer geeigneten Räumlichkeit gesucht. Weiterhin berichtete der Vorsitzende, dass die Funde aus früheren Ausgrabungen in Altdorf, zugehörig zur Epoche der Münchshöfener Kultur, unter der Leitung des Archäologen Dr. Bernd Engelhardt katalogisiert werden. Eine Gruppe ehrenamtlich tätiger Vereinsmitglieder widmet sich dieser Aufgabe.
Freude kam auf bei der Mitteilung des Vereinschefs, dass der Landshuter Höhenwanderweg inzwischen bis nach Niederaichbach durchgeplant ist. Auch die Stadt Landshut wird sich daran beteiligen. Lobend äußerte sich Peter Geldner auch über die archäologische Ausstellung „Gräber, Gruben und Gehöfte“ in Ergolding, die Kreisarchäologe Thomas Richter und Monika Weigl, Kreisheimatpflegerin für Archäologie, mit dem Markt Ergolding verwirklicht haben. Den Referenten der gelungenen Vereinsabende, dem Vorstand und dem Beirat sprach er seinen Dank aus.
Es folgten der Kassenbericht, der von Kassier Christoph Stein vorgetragen wurde, sowie die Prüfung der Kasse durch Rupert Wimmer und Rupert Forster. Kontinuität und eine kleine Überraschung gab es bei den anschließenden Neuwahlen der Vorstandschaft: Die 25-jährige BWL-Studentin Susi Weigl löste Christoph Stein als Kassenwart ab, der sein Amt aus privaten Gründen abgab. Susi Weigl wurde einstimmig gewählt, ebenso wie die weitere Vorstandschaft, bestehend aus dem 1. Vorsitzenden Peter Geldner, der 2. Vorsitzenden Monika Weigl und Schriftführer Siegfried Ramsauer. Auch die beiden Rechnungsprüfer Rupert Wimmer und Rupert Forster wurden einstimmig wiedergewählt, ebenso wie der erweiterte Beirat.
Anschließend weckte ein von Siegfried Ramsauer zusammengestellter, bewegender Film die Erinnerungen an Werner Hübner. Zum Abschluss wies Peter Geldner auf aktuelle Termine hin: Im Altdorfer Museum Adlhoch-Haus gibt es ein neues Kursangebot: Archäotechniker Dr. Robert Graf bietet am Samstag, den 29. März, um 10 Uhr den Workshop „Feuersteinbearbeitung für Pfeilspitzen und Dolche“ an. Am 11. April berichtet Archäologin Amira Adaileh beim Historischen Forum Altdorf (19.30 Uhr, Altdorfer Bürgersaal) über „Steinartefakte vom Übergang des Neandertalers zum modernen Menschen“, beim nächsten Vereinsabend am 9. Mai (19.30 Uhr, Gasthaus Proske in Ergolding) wird Vereinsmitglied Hans Jell über die frühen Wittelsbacher vor 1204 referieren. Weitere Infos: www.arlan.de

 

 

Der Mensch als Produkt seiner Umwelt

Archäologe Dr. Robert Graf referierte über Wandel vorgeschichtlicher Technologien

Ein Bericht von Susanne Hollmayer

Vortrag Dr. Graf, Arlan
Als Dank erhielt Dr. Robert Graf einen Amphiboliten – hervorragend geeignet zur Herstellung von Steinbeilen, wie der Referent betonte. V.l.n.r.: Altdorfs Bürgermeister Helmut Maier, Dr. Robert Graf, Kreisheimatpflegerin für Archäologie Monika Weigl und ArLan-Vorsitzender Peter Geldner.

Schon oft begeisterte er in Altdorf Erwachsene und Kinder mit seiner Kunst der Feuersteinbearbeitung. Zum 70. Jubiläum des Historischen Forums Altdorf sprach der Winhöringer Archäotechniker Dr. Robert Graf über prähistorische Technologien im Wandel der Umwelt. Was sagt uns die Archäologie darüber, mit welchen Werkzeugen und Techniken der Mensch unter unterschiedlichsten, teilweise rauen Umweltbedingungen sein Überleben sicherte, und welches Fazit ergibt sich daraus für seine Entwicklung? Dr. Robert Graf nahm seine Zuhörer im Altdorfer Bürgersaal mit auf eine spannende Reise zur frühesten Menschheitsgeschichte und machte eines klar: Die Leistungen unserer Vorfahren verdienen von uns höchsten Respekt.

Altdorfs Bürgermeister Helmut Maier freute sich in seinem Grußwort darüber, dass das Historische Forum unter der Leitung von Museumsleiterin Monika Weigl sich zu so einer Erfolgsgeschichte entwickelt hat. Er wünschte der Vortragsreihe, für die Monika Weigl schon seit über zehn Jahren überregional renommierte Referenten aus der Welt der Archäologie gewinnt, weiterhin viel Glück. Unterstützt werden die Vorträge vom Markt Altdorf, der Gesellschaft für Archäologie in Bayern, dem Altdorfer Heimat- und Museumsverein und dem Verein ArLan.

In Gesprächen fällt Dr. Robert Graf immer wieder auf, dass der Neandertaler mit Eigenschaften wie rückständig oder wenig intelligent verbunden wird. Damit tut man dem vorgeschichtlichen Menschen unrecht: Denn er musste unter aus heutiger Sicht unwirtlichen Umständen sein Überleben sichern, und nicht nur das: Er musste auf massive Veränderungen seiner Umwelt reagieren und dieser seine Überlebensstrategien und das dazugehörige Werkzeug anpassen – seine materiellen Hinterlassenschaften spiegeln dies wider. Und er schaffte es, obwohl er von der Natur nicht unbedingt mit den besten körperlichen Eigenschaften für den Kampf um die Existenz in der Wildnis ausgestattet ist, wie Dr. Robert Graf betonte. Die Archäologie zeigt: Der Mensch war von Anbeginn seines Daseins präsent. Dass er nicht ausgestorben ist, ist alles andere als selbstverständlich.
In der tundraähnlichen Landschaft der Eiszeit lieferte das Mammut dem Menschen wertvolle Materialien für die Ernährung, für die Herstellung von Gerätschaften und für den Bau der Zelte. Doch das Wertvollste war gar nicht so leicht zu bekommen: Das Knochenmark, das nur in bestimmten Knochen enthalten war, war bei den eiszeitlichen Menschen wegen seines hohen Fett- und Nährstoffgehalts äußerst begehrt, wie der Archäologe schilderte. Mit Choppern und Choppertools, Geräten aus Quarziten und Felsgeröll, knackten sie die Knochen – wenn das Tier mit Feuersteinabschlägen geöffnet und entsprechend zugerichtet worden war.

Mit der Verarbeitung eines toten Mammuts, das in etwa 3000 kg Fleisch führte, konnten sich die Menschen nicht viel Zeit lassen, konkurrierten doch Säbelzahntiger und Co. mit ihnen um das kostbare Gut. Die richtigen Techniken bei der Zerlegung und geeignete Werkzeuge waren für sie also von enormer Bedeutung. Dass der eiszeitliche Mensch aktiv Mammuts jagte, glaubte der Referent nicht – die Herausforderung der riesigen Tiere mit einer Schulterhöhe bis zu vier Metern wäre wohl zu gefährlich gewesen. Wahrscheinlich wurden nur Mammuts verwertet, die bereits verendet waren.

Eine ganz andere Tierwelt bot sich unseren Vorfahren zum Ende der Eiszeit: Ausgedehnte Rentierherden hatten das Mammut abgelöst. Gejagt wurde mit Speeren samt Schleuder, mittels derer der Speer schneller und weiter flog. Experimentelle Archäologen erreichen heute mit nachgebildeten Modellen in etwa 180 bis 200 Meter Wurfweite, so Dr. Robert Graf. Diese Waffe eignete sich hervorragend zur Jagd der Rentiere, die zwar ihre Jäger nicht angriffen, dafür aber eine Fluchtdistanz von circa 200 Metern aufwiesen.

Als die Warmzeit anbrach und die Temperaturen langsam, aber stetig stiegen, wurde es zugleich feuchter, und die Permafrostböden der Eiszeit tauten auf. Dichte Laubmischwälder überzogen Mitteleuropa, und die Tierwelt glich nun in etwa der uns heute Bekannten. Speere waren im Wald nicht benutzbar – nun entfalteten Pfeil und Bogen ihre volle Wirkung. Damit konnte der Jäger auch im Wald aus relativ geringer Entfernung präzise Treffer setzen.

Die weitere Erwärmung des Klimas machte es möglich, dass die Neolithische Revolution mit ihren Innovationen Ackerbau, Viehzucht und Sesshaftigkeit auch bei uns in Mitteleuropa einsetzte. Für die Getreideernte wurden Sicheln hergestellt, indem Feuersteinklingen in Holzbögen gesetzt und mit Birkenpech verklebt wurden. Für den Hausbau – typisch für die Epoche der Linienbandkeramik ab circa. 5600 v. Chr. sind bis zu 40 Meter große Langhäuser – wurden Beile und Äxte in neuen und vielfältigen Formen verwendet. Als letztes Beispiel für eine Kulturtechnik, für die die veränderte Lebenssituation erst einen größeren Bedarf schuf, nannte Dr. Robert Graf die Herstellung gebrannter Keramikgefäße, war die bäuerliche Lebensweise doch eng mit Vorrats- und Lagerhaltung verbunden.

Steinbeil, Sichel, Faustkeil
Präzision durch die richtige Technik: Ein von Dr. Robert Graf gearbeiteter Faustkeil.
Hiermit bewältigte der jungsteinzeitliche Bauer seine Getreideernte: Nachbildungen von Sicheln mit Feuersteinklingen
Im mittelfränkischen Ergersheim treffen sich jedes Jahr Fachleute, um nachgebildete Beile und Äxte auszuprobieren

Anschaulich berichtete der Referent über seine Erkenntnisse, die er nicht nur über sein Studium, sondern auch über seine jahrzehntelangen Erfahrungen in der experimentellen Archäologie gewonnen hat. Die meisten der von ihm angeführten Werkzeuge hat Dr. Robert Graf schon selbst nachgebaut und ausprobiert, oft bei Veranstaltungen von Fachleuten in Deutschland, aber auch im Ausland. Zusammen mit Monika Weigl hat er das Projekt „Zeiten erleben“ gegründet, eine Initiative mit dem Ziel, lebendige Archäologie an Schulen zu vermitteln. Das Fazit dieses Abends war eines, das nicht nur Archäologie-Liebhaber etwas angeht, sondern unsere gesamte Gesellschaft: Der Mensch war jahrtausendelang das Produkt seiner Umwelt. Doch seit etwa 200 Jahren hat sich das Verhältnis umgekehrt: Die Umwelt ist zum Produkt des Menschen geworden – eine Feststellung, die nachdenklich stimmt.

Weitere Infos:

www.zeiten-erleben.de

 

 

Von Wanderhäusern und Schimmelgruben

Kreisarchäologe Thomas Richter referierte über Ausgrabungen im Jahr 2013

Ein Bericht von Susanne Hollmayer

Ausgrabungen 2013
Was mag hier wohl einmal gebacken worden sein? Die Überreste eines hallstattzeitlichen Backofens bei Altdorf.   Bild: Th. Richter
 
Die Sonne geht auf, und eine Ausgrabung beginnt – hier bei Hirnkofen in der Gemeinde Essenbach.   Bild: Th. Richter
 

Auch im Jahr 2013 gab der Boden des Landkreises Landshut wieder überraschende Einblicke in die Geschichte der Gemeinden preis, und wie bei einem Puzzle fügen sich Erkenntnisse aus aktuellen Ausgrabungen mit bereits bekannten Ergebnissen zusammen. Kreisarchäologe Thomas Richter stellte kürzlich im Altdorfer Bürgersaal die zehn wichtigsten der insgesamt vierzig Ausgrabungen des letzten Jahres vor. Vom ältesten bekannten Haus Kumhausens bis zu Panzerfäusten samt Schinkenkonserve beim ehemaligen Flugplatz von Ergolding reichten die erstaunlichen Entdeckungen. Unterstützt wurde die äußerst gut besuchte Veranstaltung des Historischen Forums Altdorf vom Markt Altdorf, der Gesellschaft für Archäologie in Bayern, dem Altdorfer Heimat- und Museumsverein und dem Verein ArLan.

Monika Weigl, Kreisheimatpflegerin für Archäologie und Organisatorin des Historischen Forums, freute sich über die vielen neuen Ergebnisse aus der Archäologie und begrüßte Harald Krause, der in Stadt und Landkreis Erding als Archäologe tätig ist, mit den Kollegen vom Archäologischen Verein Erding, Dr. Hubert Koch vom Landesamt für Denkmalpflege, Ludwig Bindhammer, Bürgermeister von Bayerbach, Rupert Wimmer von der Gesellschaft für Archäologie in Bayern und die Mitglieder des Vereins ArLan.

Schon der Umfang von Thomas Richters Vortragsmaterial – seine Powerpoint-Präsentation beinhaltete 180 Bilder – ließ darauf schließen, dass er und die Archäologen der Grabungsfirmen im Jahr 2013 alle Hände voll zu tun hatten. Ständig werden neue Baugebiete ausgewiesen, und wenn eine archäologische Dokumentation durch eine Fachfirma nötig ist – was im fundreichen Landshuter Landkreis häufig vorkommt –, dann begleitet Thomas Richter diese. Er vermittelt dann zwischen den Bauherren und dem Landesamt für Denkmalpflege, und oft findet er Lösungen, wie die Ausgrabungen

Vortrag Forum Altdorf 2013
V.l.n.r.: Der Erdinger Archäologe Harald Krause, Landshuts Kreisarchäologe Thomas Richter, Kreisheimatpflegerin für Archäologie Monika Weigl, ArLan-Vorsitzender Peter Geldner, Rupert Wimmer von der Gesellschaft für Archäologie in Bayern
kostengünstiger ausfallen als erwartet.
Über die vier wichtigsten Grabungen im Landkreis berichtete bereits die Landshuter Zeitung: In Ergolding zeigen die aktuellen Ergebnisse, dass der Markt sich gerade wieder den Grenzen aus frühmittelalterlicher Zeit annähert, als der Ort als karolingisches Königsgut überregionale Bedeutung besaß. Als in Bayerbach bei Ergoldsbach der Teil einer linienbandkeramischen Siedlung ausgegraben wurde, freuten sich Thomas Richter und seine Kollegen besonders über deren außergewöhnlich guten Erhaltungszustand – fünf Langhäuser waren allein im Bereich der Erschließungsstraße zu rekonstruieren. Anders als man erwarten würde, handelte es sich hier wohl eher um einen Weiler als um eine große Siedlung, wie der Kreisarchäologe darlegte. Meist bestanden die Dörfer dieser Zeit über mehrere Jahrhunderte nur aus einer Handvoll Häusern. War eines nicht mehr bewohnbar, wurde in nächster Nähe ein neues Gebäude errichtet.

Von den jungsteinzeitlichen, spätbronzezeitlichen und römischen Siedlungsspuren, die in Viecht zutage kamen, hält Thomas Richter eine Grube voller Unmengen an Keramik am spannendsten, die die Menschen der späten Bronzezeit wahrscheinlich im Zusammenhang mit rituellen Handlungen anlegten – die Gefäße wurden wohl absichtlich zerbrochen und niedergelegt. Und in Weng fanden die Archäologen nach einer deutschlandweiten Recherche heraus, dass die neu entdeckten, 2,80 Meter tiefen Gruben aus der Eisenzeit einst Getreidevorräte enthielten, vakuumverpackt in einer Schimmelschicht.

Was es für die Geschichte eines Ortes bringt, wenn die Ergebnisse archäologischer Untersuchungen über einen längeren Zeitraum beobachtet werden, zeigt das Beispiel Ergolding. Alte und neue Ausgrabungen, darunter diejenige im Baugebiet „Untere Wiesen“, zeichnen langsam ein deutliches Bild von der Innenstruktur des karolingischen Königsguts: Lässt sich für das Gebiet der Ausgrabung „Am Bründl“ und den Bereich um St. Peter und den Gänsgraben eine dichte Bebauung mit Handwerkerbetrieben und Metallverarbeitung fassen, zeigte sich bei der Ausgrabung „Untere Wiesen“ eine eher landwirtschaftlich geprägte Besiedelung. Die Burg circa 300 Meter nordwestlich der Flur „Am Bründl“ konnte schon bei früheren Ausgrabungen nachgewiesen werden. Thomas Richter wies darauf hin, dass diese Erkenntnisse nur aus der Archäologie stammen – ohne diese hätten wir nur die urkundlich belegte Jahreszahl 822, das Jahr, in dem im damaligen Ergeltingas ein Gerichtstag stattfand.

Ausgrabung 2013
 Eine Hofgrablege aus dem frühen Mittelalter, entdeckt bei Weihenstephan. Der Tote lag einst auf einem Leichenbrett, was die Verfärbung unter dem Skelett erkennen lässt.
Bild: Th. Richter
Im März, so der Kreisarchäologe, wird erstmals der Öffentlichkeit präsentiert, was die Archäologen in den letzten Jahrzehnten alles über die Vergangenheit Ergoldings herausgefunden haben. In der Ausstellung „Gräber, Gruben und Gehöfte – Archäologische Funde aus Ergolding“ gibt es zu sehen, was der Boden preisgegeben hat, aber auch, wie man sich die damalige Lebenswelt vorstellen kann, wie die Rekonstruktion eines frühmittelalterlichen Hauses mit Inneneinrichtung. Organisiert wird die Ausstellung von der Gemeinde Ergolding, das Konzept und die Realisierung liegen bei der Kreisarchäologie und der Kreisheimatpflegerin für Archäologie

 Monika Weigl.

Weiter entdeckten die Archäologen: Eine Siedlungsstelle der Linienbandkeramik in Kumhausen, frühbronzezeitliche Siedlungsspuren im Bereich des Neubaus des Unternehmens S&R in Eching, eine frühmittelalterliche Hofgrablege in Weihenstephan, in Vilsbiburg neben der Stadtpfarrkirche das alte Messnerhaus aus dem 18./19. Jh. samt Weinkeller. Urlauber legten auf einer Touristengrabung in Altdorf einen hallstattzeitlichen Backofen frei. Ein ganz und gar ungewöhnlicher Fund beim alten Flugplatz in Ergolding rief sogar das Bombenentschärfungskommando aus München auf den Plan: 24 Panzerfäuste samt Stahlhelm, Löffel und einer leeren Schinkenkonserve waren dort in den letzten Kriegstagen vergraben worden.

Die einzelnen Grabungen, die sich hier nur knapp darstellen lassen, erläuterte Thomas Richter mit interessanten Hintergrundinfos, eingebettet in die geschichtlichen Zusammenhänge der Funde. Mit Humor und gut verständlich vermittelte er seinen Gästen an diesem Abend, was sich aus den Spuren im Boden über das menschliche Leben der Vorzeit herauslesen lässt. Für seinen informativen Vortrag erhielt der Kreisarchäologe viel Applaus, und die zahlreichen Fragen im Anschluss an den Jahresrückblick führten noch zu einigen spannenden Exkursen in die Welt der Wissenschaft.

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