ArLan

Ein Überblick über Aktivitäten und Vorträge

 

 

Aus der Höhe Muster erkennen

Luftbildarchäologe Klaus Leidorf berichtete bei ArLan über seine Arbeit

Ein Bericht von Susanne Hollmayer

Seit 1989 zieht Klaus Leidorf als Luftbildarchäologe in einer Cessna 172 seine Kreise über unsere Lande. Er dokumentiert Bodendenkmäler für das Landesamt für Denkmalpflege. Doch das ist nicht alles. Vom Flugzeug aus fotografiert er unsere Landschaft – und zwar so, wie wir sie bisher noch nicht gekannt haben, aus überraschenden Perspektiven und mit einem Blick für die Ästhetik von Strukturen.  Seine Bilder öffnen uns die Augen für die Schönheit und Einzigartigkeit unserer gewachsenen, vom Menschen geprägten Umgebung. Sie lassen aber auch erkennen, wie schnell und unwiederbringlich natürlicher Lebensraum und uralte Hinterlassenschaften aus früheren Epochen durch Eingriffe des modernen Menschen verloren gehen können.

Luftbildarchäologe Klaus Leidorf zeigt uns unsere Landschaft von obenBeim letzten Vereinsabend von ArLan im Ergoldinger Gasthaus Proske stellte Klaus Leidorf, wohnhaft in Buch am Erlbach, eine Auswahl seiner Bilder vor und erzählte den zahlreich erschienenen Gästen von seiner Arbeit hoch über Bayern.

Zunächst aber sprach Peter Geldner, Vorsitzender von ArLan, in seinem Grußwort ein Lob auf die ArLan-Homepage aus, die immer mehr Inhalte bietet, und bedankte sich bei deren Betreuer Alfred Geisselmann. Nach wie vor besteht das Angebot, auf der Homepage Material zu geschichtlichen Themen aus Stadt und Landkreis Landshut zu veröffentlichen. Weiterhin gaben Peter Gelder und Monika Weigl, zweite Vorsitzende des Vereins, einen Überblick über die kommenden Veranstaltungen wie die Neujahrswanderung nach Eugenbach. Weitere Informationen hierzu gibt es auf der Homepage www.arlan.de.

Klaus Leidorf ist in Landshut und Umgebung schon lange bestens bekannt. In vielen Medien begegnet man seinen Bildern, und seine beiden Bildbände „Hoch über Bayern“ dürften in zahlreichen Bücherregalen ihren Platz gefunden haben. Mitgearbeitet hat er auch am kürzlich zum 100-jährigen Jubiläum des Bund Naturschutz erschienenen Buch „Achtung Bayern“, das zahlreiche Luftaufnahmen von ihm enthält.

In seinem Vortrag erklärte Klaus Leidorf, was Luftbildarchäologie eigentlich ist – es ist vor allem die Suche nach Mustern auf dem Boden, die sich nur aus größerer Entfernung erkennen lassen, wie hallstattzeitliche Grabhügel und Herrenhöfe, der Verlauf einer Römerstraße oder Erhebungen von ehemaligen Burganlagen aus dem Mittelalter. Was zunächst vielleicht einfach klingt, ist es nicht, denn um die Strukturen überhaupt zu erkennen, benötigt man handfestes Hintergrundwissen und einen geübten Blick. Klaus Leidorf ist studierter Archäologe und hat eine Flugausbildung gemacht – eine Kombination, die derzeit bayern- und deutschlandweit einzigartig ist. Angelernt wurde er von Otto Braasch, der seit 1980 für das Landesamt den bayerischen Boden aus der Luft nach archäologischen Spuren absuchte. Otto Braasch, ursprünglich Oberstleutnant bei der Luftwaffe, fliegt mittlerweile in ganz Deutschland.

Insgesamt 30.000 neue Fundstellen haben die beiden in Bayern dokumentiert. Klaus Leidorf stellte beispielhaft einige archäologische Fundstellen aus dem Landkreis Landshut vor, die aus der Luft entdeckt wurden und mittlerweile zum Teil ausgegraben sind. So wurden auf der Isarhangleite von Niedererlbach ein späthallstattzeitliches Grabenwerk (ca. 500 v. Chr.) ausgegraben und im Tal, auf dem Gebiet des heutigen Gewerbegebiets, die dazugehörigen Grabhügel freigelegt – Hinterlassenschaften von Menschen, die besondere Fertigkeiten besaßen und ungewöhnlich reich waren.

Obstbaumplantage Deutenkofen
Grabhügel bei Bruckberg
Obstbaumplantage bei Deutenkofen   (Foto: K. Leidorf)
Grabhügel bei Bruckberg   (Foto: K. Leidorf)

Die bei Niedererlbach verlaufende Römerstraße konnte Klaus Leidorf im schrägen Licht der Abendsonne fotografieren, der im Boden noch gut erhaltene Straßenkörper wirft Schatten, die auf dem Schnee leicht zu erkennen sind. Daneben fand sich ein römisches Brandgräberfeld – in römischer Zeit wurden die Toten an den Ausfallsstraßen bestattet. Die dazugehörige, mittlerweile ausgegrabene Villa Rustica erkannte Klaus Leidorf in einem Neubaugebiet von Niedererlbach.

Bei der im Abendlicht erkennbaren Römerstraße spricht man in der Luftbildarchäologie von einem Schattenmerkmal. Im Landkreis Landshut gibt es immer noch obertägig erhaltene Grabhügel, die sich ebenfalls aus der Luft durch ihren Schattenwurf erkennen lassen. Bewuchsmerkmale entstehen, wenn sich unter Pflanzen Gräben oder Mauerreste befinden: Über Gräben oder Gruben wachsen die Pflanzen etwas länger, bevor sie reif werden, über Mauern wachsen sie schlechter und werden früher reif. Auch als Schneemerkmale zeichnen sich archäologische Spuren im Boden ab. 1996 gelang es Klaus Leidorf, das Altheimer Erdwerk bei Essenbach als Schneemerkmal aufzunehmen: Der Schnee bleibt über der etwas kälteren Grabenverfüllung länger liegen. Eine solche Aufnahme ist nur in seltenen Augenblicken möglich, da mehrere klimatische Voraussetzungen gegeben sein müssen.

Klaus Leidorfs Bilder nutzen nicht nur der Erforschung der Vergangenheit. Luftbilder vom neuen Ergoldinger Gymnasium dokumentieren die verschiedenen Bauphasen eines Gebäudes moderner Architektur. Die gewählten Perspektiven und Ausschnitte zeigen uns Altbekanntes in neuem Licht. So lässt die Draufsicht auf den Landshuter Martinsturm die Ästhetik gotischer Bauformen erkennen. Die Aufnahmen halten fest, wie die Eingriffe des Menschen die Landschaft verändern, aber auch zerstören können. Jahrtausende alte Bodendenkmäler – die letzten, die uns noch etwas über die Menschen aus früheren Zeiten erzählen können –, gehen auf landwirtschaftlich genutzten Flächen durch die Bodenerosion  innerhalb weniger Jahrzehnte verloren, durch das rasante Anwachsen von Baugebieten sogar innerhalb weniger Monate. Klaus Leidorfs Luftbilder sind ein Appell, unsere Kulturgüter und unsere Umwelt mehr wertzuschätzen und zu bewahren, anstatt um des schnellen Wachstums willen ihren endgültigen Verlust zuzulassen.

 

 

 

Schuld waren die Erbschaften  - Die Gammelsdorfer Schlacht

Bruckberger Heimatforscher Vitus Lechner referiert über Ursachen, Verlauf und Wirkung der Schlacht bei Gammelsdorf

Ein Bericht von Susanne Hollmayer
 

Erst im August wurde ihr 700. Jahrestag feierlich begangen, mit Ritteressen, historischem Festumzug und Lagerleben, die Schlacht bei Gammelsdorf, die am 9. November 1313 stattgefunden hatte. Der Wittelsbacher Herzog Ludwig IV. von Oberbayern siegte damals über den Habsburger Herzog Friedrich den Schönen. Das Ergebnis der Schlacht hatte einige Bedeutung für den weiteren Verlauf der Geschichte: Wäre sie anders ausgegangen, so wären wir heute vielleicht österreichisch. Zudem beförderte sie die Karriere von Herzog Ludwig IV., der später zum König gewählt und schließlich zum Kaiser des Heiligen Römischen Reichs Deutscher Nation („Ludwig der Bayer“) gekrönt wurde.
Bruckbergs Heimatbeauftragter Vitus Lechner referierte beim bestens besuchten letzten Vereinsabend von ArLan („Archäologie in Stadt und Landkreis Landshut“) im Ergoldinger Gasthof Proske über Ursachen, Verlauf und Wirkung der Schlacht und stellte eine interessante These auf zur Frage, warum die Schlacht gerade zwischen Gammelsdorf und Bruckberg ausgetragen wurde.

Gammelsdorf, Vortrag Vitus LechnerEr wusste viel Interessantes rund um die Schlacht bei Gammelsdorf zu berichten. In den Händen hält er ein Anschauungsobjekt für eine häufig erzählte Sage: Ein Stein in Form einer Gans soll den Kriegsschatz beinhaltet haben.

ArLan-Vorsitzender Peter Geldner wies zunächst auf das neu entstandene Unternehmen „Zeiten erleben“ hin, ein Zusammenschluss zwischen der Leiterin des Altdorfer Adlhoch-Hauses Monika Weigl und dem Archäologen und Archäotechniker Robert Graf. Ziel der Kooperation ist es, Kinder, Jugendliche und Erwachsene mit der Archäologie vertraut zu machen.  Die Idee für den Vortrag, so der Vorsitzende weiter, sei bei einer Neujahrswanderung mit Vitus Lechner über die einstigen Schauplätze der Schlacht entstanden. Dieser entführte die Gäste mit seinem Vortrag in eine Zeit, in der das bayerische Herzogtum zum ersten Mal geteilt war und sich im Spannungsfeld der Machtkämpfe der damals führenden Herrschergeschlechter, der Habsburger, der Luxemburger und der Wittelsbacher, befand.

Die Kontrahenten der Schlacht von Gammelsdorf, Herzog Ludwig IV. von Oberbayern und der Habsburger Herzog Friedrich der Schöne, waren in ihrer Jugendzeit befreundet gewesen – Ludwig, dessen Mutter Mathilde eine Habsburgerin war, wurde in Wien am Hof des habsburgischen Königs erzogen. Als der niederbayerische Herzog Otto III. starb, bestimmte er Ludwig als Vormund über die noch minderjährigen niederbayerischen Prinzen. Die Witwen jedoch sahen die Vormundschaft für den Habsburger Friedrich vor, und ein Treffen der beiden Vettern bei Landau brachte statt der gewünschten Einigung die Kriegserklärung.

Die österreichischen Truppen trafen im Passauer Raum mit ihren Verbündeten zusammen – den niederbayerischen Adeligen, angeführt von den Brüdern Albrecht und Alram von Hals, und böhmischen Hilfstruppen. Gemeinsam zogen sie, das Land verwüstend, in Richtung Westen. Auf einem Höhenrücken zwischen Gammelsdorf und Bruckberg bauten sie eine Verteidigungslinie auf, eine Wagenburg wird bei Gelbersdorf vermutet. Der Plan der Österreicher, Ludwig in die Zange zu nehmen – die Truppen von Friedrichs Bruder Leopold sollten von Westen her angreifen – misslang. Ludwig, auf dessen Seite auch die Städte Landshut, Straubing, Moosburg und Ingolstadt kämpften, errang den Sieg,Gammelsdorf, Schlachtendenkmal wohl durch einen gezielten Überraschungsangriff auf die Wagenburg. Das Streitfeld südlich von Gammelsdorf trägt heute noch die Erinnerung an dieses Ereignis im Namen.

Eine einleuchtende Erklärung lieferte Vitus Lechner für die Frage, warum ein Großteil der niederbayerischen Ritter sich mit den Habsburgern verbündete: Das Adelsgeschlecht der von Hals, die die niederbayerische Ritterschaft anführte, war von Kaiser Rudolf von Habsburg in den Grafenstand erhoben worden, es gab also eine gewisse Bindung zwischen den beiden Häusern. Durch die Salzstraße im Goldenen Steig und das Perlfischen an der Ilz waren die Halser zu großem Reichtum gekommen und übten so vermutlich Einfluss auf viele niederbayerische Adelige aus.

Auch zur Frage, warum die Schlacht gerade zwischen Gammelsdorf und Bruckberg ausgetragen wurde, äußerte Vitus Lechner eine plausibel klingende Vermutung: Die Truppen der Habsburger suchten nach ihrem Zug durch das Rott- und das Vilstal wohl gezielt nach einem Isarübergang. Landshut und Moosburg waren Verbündete von Ludwig und somit versperrt. Die Quellen geben einen Hinweis darauf, dass Diethalm von Bruckberg, zu dessen Aufgaben wahrscheinlich der Erhalt des Bruckberger Isarübergangs gehörte, im Gefolge der Brüder Albrecht und Alram von Hals an der Seite von Friedrich kämpfte. Und: Die Schwester der beiden war mit eben jenem Diethalm verheiratet – die Quellen offenbaren Beziehungen, die auf die Rolle Bruckbergs bei der Schlacht gewisse Schlüsse zulassen. Der Isarübergang bei Volkmannsdorf, ein Steg, war nach der Schlacht unter den Flüchtenden zusammengebrochen.

Als Fazit stellte Vitus Lechner fest: Schuld an den vielen Konflikten waren immer wieder die Erbschaften – der Auseinandersetzung zwischen Ludwig und Friedrich war der Streit um das Erbe des letzten Staufers Konradin im seit 1255 geteilten Herzogtum Bayern vorausgegangen. Abschließend beleuchtete er noch viele weiterführende Aspekte der damaligen historischen Situation. So gab er auch einen Ausblick auf das Wirken Ludwigs des Bayern als Kaiser, der sich als erster Kaiser nicht vom Papst, sondern von Vertretern des Volkes krönen ließ und die Herrschaft nicht als Gottesgnadentum, sondern als Ergebnis überlieferter Verfassungsnormen wertete. Auch erzählte der Bruckberger Heimatforscher, wie die Schlacht erst im 19. Jahrhundert mit dem Aufkommen von Nationalbewusstsein und Deutschtum von den Bürgern wahrgenommen und mit Feierlichkeiten bedacht wurde – Mitte des 19. Jahrhunderts wurde das vom Gammelsdorfer Pfarrer Franz Anton Gottstein initiierte Denkmal enthüllt.

Für seinen fundierten und informativen Vortrag erhielt Vitus Lechner viel Applaus, und die nachfolgenden Diskussionsbeiträge zeigten, auf welches Interesse das Thema bei den Gästen stieß.

 

 

 

Der Höning - eine prähistorische Höhensiedlung im Erdinger/Haager Land

Referent:  Karl Engelmann


Referent Karl Engelmann und 1. Arlan-Vorsitzender Peter GeldnerImmer wieder einmal wird in unserem Lande eine prähistorische Höhensiedlung entdeckt, eröffnete der Referent des Oktober-Vereinsabends Karl Engelmann beim Archäologischer Verein Stadt und Landkreis Landshut, ArLan, im Gasthaus Proske in Ergolding seinen Vortrag. Der Vorsitzende des Historischen Kreises Dorfen erläuterte weiter, dass dazu der Höhenzug zwischen Dorfen/Obb. und Schwindkirchen zählt, der im Volksmund "Straßholz" genannt wird. Auf alten Flurkarten steht der Name "Schneiderholz". Im Jahre 1585 hieß es jedoch in der Beschreibung der Grenzen des ehemaligen Landgerichts Dorfen: "das Eppngütl am Höning".
Wie bei den meisten vorgeschichtlichen Höhenbefestigungen sind auch hier Funde aus den verschiedensten Epochen vorhanden. Beim "Höning", so der Vortragende kommt aber hinzu, dass sich auf seinem Rücken Altstraßen kreuzen und dass es sich um einen der ganz wenigen Plätze zwischen Donau und Alpenrand handelt, auf dem schon im frühen Mesolithikum (Mittelsteinzeit) Menschen Spuren hinterlassen ha-ben.

In seinen weiteren Einführungen in das Thema Höhensiedlungen, wies Karl Engelmann darauf hin, dass man viele dieser Siedlungen kennt, die vor allem schon zur Bronzezeit bewohnt waren. In aller Regel liegen sie an strategisch bedeutsamen Plätzen, wie der Bogenberg an der Donau, der Margaretenberg bei Hirten an der Alz der Spitzdobel bei Pleinting, der Einsiedelbuckel bei Malching im unteren Inntal und viele andere mehr. Weiter findet man sie  sehr zahlreich an Zugängen in die Alpen an Loisach, Isar, Inn und Tiroler Ache. Sie waren meistens auch in der nachfolgenden Urnenfelderzeit und in der Hallstattzeit sowie oft noch im Mittelalter Aufenthaltsorte der Bevölkerung.

In seinen weiteren Ausführung weist der Referent auf das Werk ,,Die Römer in Bayern“ aus dem Jahre 1995 hin, das 13 spätantike Höhensiedlungen in der Rätia Secunda nennt. Zu dieser Zeit wurde die Landwirtschaft hier von diesen Plätzen aus in der Regel betrieben, während in anderen Gegenden des Reiches die Gutshöfe erst richtig aufblühten. Natürlich ist ja in der Zwischenzeit die Forschung nicht stehen geblieben, so der Referent, und es gesellten sich neu entdeckten Höhensiedlungen dazu, den Höning südöstlich von Dorfen im Kreis Erding  eingeschlossen. Es handelt sich um eine Erhebung, die etwa 60 m über dem Isental aufragt, 500 m höher als der Meeresspiegel liegt um etwa 100 m breit und auf einen halben Kilometer in der Ost-Westrichtung eingeebnet ist.

Woher stammt nun dieser Name, der bis vor rund zwei Jahrzehnten als Landschaftsbezeichnung nicht mehr bekannt war? Andere Hügel hierzulande tragen geläufigere Bezeichnungen wie Geisberg, Teufelsberg, Burgberg, Schellenberg usw.
Bis vor zwei Jahrzehnten war nur ein ,,Straßholz“ bekannt, während auf alten Flurkarten der Name ,,Schneiderholz“ auftaucht. In der Beschreibung der Grenzen des alten Landgerichts Dorfen aus dem Jahre  aus dem Jahre 1585 heißt es jedoch:

,,...zu einer Stigl auf Stollnkirchner Gangsteig. Von dieser Stigl schait sich das Gericht mit der Grafschaft Haag, aufwärts zum Kreuzfalter am Höning, und neben dem Fridt im Feldt hinum, bis zu Zeil an das Eppngütl...“

Niedergeschrieben hat dies übrigens der Oberdorfener Pfarrer Josef Gammel, so Karl Engelmann. Der Beitrag findet sich in dem Werk ,,Dorfener Land in Geschichtsbildern“ 1980 herausgegeben von Albrecht Gribl.

Der Name "Höning" mutet etwas eigenartig an, auch wenn die  Endung -ing auf die Alamannen verweist und damit zu den ältesten in unserem Lande zählt. Das Bestimmungswort dagegen meint die Urbevölkerung auf dem Höhenrücken, die unseren ersten Baiern fremdartig vorkam, so der Referent. Vergleiche mit den Hünen- oder Heuneorten können Klarheit bringen. Nachgelesen kann dies werden auf Seite 49 der ,,Bayerische Archäologie“, Heft 3/2012. Erklärt wird der Begriff ,,Hün oder Heun“ im Sinne von ,,uralt“, so Engelmann, er würde lieber alteingesessen sagen.

Nicht weniger aufschlussreich ist das Wort "Eppen", deutet es doch auf Stelle mit viel Wasser hin wie beim Ortsnamen Eppan in Südtirol, in dem auch ein ,,aqua oder Apa=Wasser steckt. Und tatsächlich gibt es in dem Ort wasserreiche Stellen.

Jetzt aber, so der Vorsitzende des Historischen Kreises Dorf, ist es an der Zeit, den Höning auf der Landkarte zu suchen. Mit den folgenden Aufnahmen verschaffte er den Arlanern zuerst einen allgemeinen örtlichen Überblick. Anschließend zeigte der Referent seine vielfältigen Funde, angefangen von Mahlsteinen, über Schuhlleistenkeile, Stein-Spitzen für Pfeile, Bohrer, Abschläge und Kerne dazu, Ambos und Schläger zum Nussknacken, Rasenerz, Brauneisenstein (Limonit), Eisenfunde und Schlacke bis hin zu mittelalterlichen und neuzeitlichen Funden.

Nach einem großen Beifall gab der Vorsitzende Peter Geldner noch den Termin und das Thema des nächsten Vereinsabends bekannt und zwar wird am Freitag, 8. November 2013 um 19.30 Uhr Vereinsfreund und Heimatpfleger von Bruckberg, Vitus Lechner über die Schlacht bei Gammelsdorf referieren.

Ein langer Streit zwischen Habsburgern und Wittelsbachern um Vormundschaft und Vorherrschaft eskalierte im Herbst 1313. Über Umfeld und Entwicklung bis zur Entscheidungsschlacht mit dem Sieg des Herzogs Ludwig IV. (der Bayer) über die Österreicher und niederbayerischen Adeligen am 9. November 1313.

 

 

 

Datenträger aus Keramik

Archäologin Dr. Cornelia Renner berichtete bei ArLan über Funde von Heimatsammlern

Ein Bericht von Susanne Hollmayer

 

Frau Dr. Renner„Am besten über ein frisch gepflügtes Feld laufen, wenn es vorher richtig geschüttet hat.“ Diesen Tipp gab Dr. Cornelia Renner kürzlich den Gästen des Vereinsabends von ArLan („Archäologie in Stadt und Landkreis Landshut“), welche sich in der Ergoldinger Gastwirtschaft Proske versammelt hatten, um dem Vortrag der bei Lichtenhaag lebenden Archäologin zu lauschen. Die gebürtige Münchnerin, die ihre Dissertation über eine Siedlung der Linienbandkeramik in Baden-Württemberg verfasst hat, ist seit über zehn Jahren Ansprechpartnerin für die ehrenamtlichen Heimatsammler in ganz Niederbayern.
In ihrem Vortrag stellte sie den ArLanern ihre Arbeit vor, zeigte die Entwicklung der Keramik von der Jungsteinzeit bis zur Kröninger Ware und löste die Rätsel um die mitgebrachten Lesefunde.


Zunächst jedoch gab es Glückwünsche: Monika Weigl, zweite Vorsitzende des Vereins, ist vor kurzer Zeit für ihre Verdienste in der regionalen Archäologie mit der Bundesverdienstmedaille ausgezeichnet worden. Vorsitzender Peter Geldner gratulierte ihr dazu herzlich und betonte ihre Rolle als Impulsgeberin für die Archäologie in vielerlei Hinsicht – zum Beispiel durch die akribisch von ihr durchgeführten Ausgrabungen, mit denen sie die Spuren der Vergangenheit für die wissenschaftliche Auswertung aufbereitete. Wie Monika Weigl tausende von Kindern durch Feldbegehungen und ihre Museumsarbeit für die Archäologie zu begeistern verstehe, sei von unschätzbarem Wert.


Dr. Cornelia Renner bietet jeden Mittwoch von 14 bis 16 Uhr im Heimatmuseum in Vilsbiburg (www.museum-vilsbiburg.de) eine Sprechstunde der ungewöhnlichen Art an: Sie nimmt Fundstücke entgegen, die ehrenamtliche Sammler auf dem Feld aufgelesen haben, ordnet sie in den geschichtlichen Zusammenhang ein und verfasst Fundberichte, die sie nach Regensburg ans Landesamt für Denkmalpflege schickt. Auch wer kein leidenschaftlicher Feldbegeher ist, aber bei der Gartenarbeit oder beim Spazierengehen etwas findet, das den archäologischen Spürsinn weckt, sollte sich bei Cornelia Renner melden.

Die Archäologin erklärte zunächst, wie sich die Situation geändert hat, seitdem die Außenstelle des Landesamts für Denkmalpflege in Landshut in den neunziger Jahren geschlossen wurde und nach Regensburg umziehen musste. Früher flossen die Informationen zu den Funden samt detailgetreuer Zeichnungen in gedruckte Chroniken ein, heute sind die entsprechenden Daten über den Bayernviewer-Denkmal auf der Homepage des Landesamts für Denkmalpflege (www.blfd.bayern.de) verfügbar – bedauerlicherweise ohne die Zeichnungen.

Linienbandkeramik, Geschirr der ersten Menschen, die bei uns sesshaft wurdenKurzweilig stellte Cornelia Renner dar, welche Kategorien von Fundstücken aus vergangenen Zeiten dem aufmerksamen Sammler auf dem Feld begegnen können, von Werkzeugen und Waffen aus Silex über Gegenstände aus Bronze und Eisen bis hin zu Knochen von Tier oder Mensch, wobei letzteres immer auf Gräber hinweist. Den Schwerpunkt der ihr vorgelegten Funde bildet die Keramik, die hier als erstes um 5500 v. Chr. von den Linienbandkeramikern verwendet wurde und sich in der Gestaltung, in der Art des Tons und in der Funktion Keramik der Gruppe Oberlauterbach, ca. erste Hälfte 5. Jahrtausend v.Chr.laufend veränderte. Schon eine winzige Scherbe kann über Dekor oder Machart einer Epoche zugewiesen werden, über Randscherben lassen sich auch feinere Datierungen gewinnen. Auch unverzierte Wandscherben sind für Cornelia Renner wichtig, denn über das Verhältnis von unverzierter zu verzierter Keramik zieht sie Schlüsse darauf, welcher Art das dazugehörige Bodendenkmal sein könnte.

Findet man etwas aus früheren Epochen auf einem Acker, gilt dieser als Bodendenkmal. So kann bei Bauvorhaben die archäologische Dokumentation schon im Vorfeld stattfinden. Wichtige archäologische Fundplätze in der Region wurden von Heimatsammlern entdeckt, so das wissenschaftlich publizierte römische Brandgräberfeld von Ergolding, das durch die Feldbegehungen des erst im Mai verstorbenen Werner Hübner bekannt wurde.

Das Frauenberger Silex-DolchblattEin Beispiel für die Aussagekraft eines einzigen Lesefunds: Im Herbst 2010 fand Vereinsmitglied Alfred Geisselmann bei Frauenberg einen Silexdolch, den er wie viele andere Funde nach Vilsbiburg brachte. Später wurde das Fundstück vom Experten Dr. Andreas Tillmann vom Landesamt für Denkmalpflege noch genauer untersucht. Das im „Archäologischen Jahr in Bayern 2011“ publizierte Stück erwies sich nach Art des Silex und seiner Form als Silexdolchblatt aus Norditalien, aus einer späten Phase der Jungsteinzeit – zusammen mit anderen in Südbayern gefundenen Silexdolchen italienischer Herkunft ein Hinweis auf sehr frühe Kontakte zwischen unserer Gegend und Norditalien mit Transportwegen über die Alpen.

Wer seine Lesefunde bei Cornelia Renner abgeben möchte, sollte ihr den genauen Fundort mitteilen, zum Beispiel mit einer Karte oder mittels GPS-Daten. Auch gewaschen sollten die Stücke sein. Für das interessante und humorvoll vorgetragene Referat von Cornelia Renner gab es viel Applaus.
Peter Geldner wies auf das Angebot des Vereins hin, Lesefunde von Zeit zu Zeit gesammelt nach Vilsbiburg zu fahren.

Weitere Tipps zum Umgang mit Funden bietet die ArLan-Homepage www.arlan.de. Hier finden sich auch weitere Infos zum Vereinsgeschehen.

 

 

 

Was Steine über Sterne erzählen - Astronomisches Wissen der Vorfahren

Referent: Dr. Bernd Engelhardt

Ein Bericht von Susanne Hollmayer

 

Referent Dr. Bernd Engelhardt, Blick auf Stonehenge mit seinen astronomischen PhänomenenDie Archäologie gibt uns nicht nur Aufschluss über die materielle Welt, in der unsere Vorfahren sich bewegten, sondern sie lässt uns auch an deren Vorstellungen und Ideen teilhaben. Der letzte Vereinsabend von ArLan (Archäologie in Stadt und Landkreis Landshut) stand ganz im Zeichen der Sterne: Dr. Bernd Engelhardt, einst Leiter der Regensburger Dienststelle des Landesamts für Denkmalpflege, stellte dar, wie sich in der Archäologie gedankliche Konzepte unserer Vorfahren zu Astronomie und Kosmologie widerspiegeln. Er nahm die Zuhörer mit auf eine faszinierende Reise zu Stonehenge, den Kreisgrabenanlagen unserer Gegend und zum Mittelberg in Sachsen-Anhalt - dem Fundort der Himmelscheibe von Nebra –, erklärte neue Forschungsthesen und ließ eine Ahnung davon entstehen, wie sehr die frühgeschichtliche Welt vernetzt war und Ideen in ihr wanderten. Dr. Engelhardt hatte sich spontan zu dem Referat bereit erklärt, nachdem der ursprünglich geplante Vortrag der Archäologin Dr. Isabella Denk wegen Krankheit abgesagt werden musste.

Den Ausgangspunkt seines Vortrags hatte Dr. Bernd Engelhardt nach Niederbayern gelegt. In unserer Region war ungefähr in der zweiten Hälfte des 3. Jahrtausends die Glockenbecherkultur verbreitet, die sich über einen riesigen Raum erstreckte, von den Orkney-Inseln im Norden über England bis hinab nach Sizilien, von Marokko im Westen bis nach Budapest im Osten. Kennzeichen dieser Kultur sind Gräber mit einem bestimmten Beigabensatz, darunter der nach seiner Form benannte Glockenbecher sowie steinerne Armschutzplatten und Pfeilspitzen, die die Bestatteten als Bogenschützen ausweisen – bei uns wurden einige interessante Gräber in Altdorf entdeckt. Von Niederbayern aus schlug Dr. Engelhardt den Bogen zu Stonehenge, den weltberühmten Steinkreisen im Süden Englands, in einer Landschaft voller vorgeschichtlicher Bodendenkmäler.
Stonehenge, WeltkulturerbeDie erste Steinbebauung von Stonehenge stammt in etwa aus der Zeit um 2600 v. Chr., wenig später folgt die Hauptausbauphase, in der unter anderem die fünf riesigen Trilithen im Zentrum errichtet wurden. In der ältesten Bauphase, um 3100 v. Chr., war die Stätte als kreisrunde Wall-Graben-Konstruktion angelegt worden. Die Steine – die schwersten davon haben ein Gewicht von 50 Tonnen – wurden möglicherweise mithilfe von untergelegten Baumstämmen hierher transportiert. In über tausend Jahren wurde die Anlage immer wieder verändert, und zwar mit einem unvorstellbaren Aufwand an Arbeitsleistung und Arbeitskräften, wie Dr. Engelhardt betonte.

Nahe bei Stonehenge entdeckten Archäologen ein besonders reich ausgestattetes Grab der Glockenbecherzeit, unter anderem mit Goldschmuck, Kupferdolchen und einem Amboss aus Stein – die Bestattung eines hoch angesehenen Metallhandwerkers, der von den Anfängen der Metallverarbeitung in dieser Zeit zeugt und von der Forschung mit dem Steinausbau von Stonehenge in Verbindung gebracht wird. Eine Überraschung ergab sich aus der Untersuchung des Zahnschmelzes: Der Mann kam ursprünglich aus dem nördlichen Alpenvorland.

Über zahlreiche Steinsetzungen von Stonehenge können Visierlinien gezogen werden. Die bedeutsamste Linie, durch die Prozessionsstraße über den nordöstlichen Haupteingang durch den zentral gelegenen Altarstein, markiert den Sonnenaufgang zur Sommersonnenwende. Auch die Kreisgrabenanlagen unserer Region werden von vielen Archäologen wie Stonehenge als Kalenderbauten gedeutet, deren Tore nach astronomischen Daten wie Sommer- oder Wintersonnenwende oder Tag- und Nachtgleiche ausgerichtet wurden  – Daten, die wohl das bäuerliche Jahr gliederten und die Zeiten für bestimmte Tätigkeiten wie aussäen und ernten markierten. Die astronomische Deutung der Bauten ist in der Forschung aber auch umstritten. Denn um eine Visierlinie zu ziehen, reichen auch zwei Stempen, wie Dr. Engelhardt sagte. Die weitläufigen Bauten legten die Menschen aber wohl an, um die „Zeitenwechsel“ mit kultischen Festen zu feiern – ähnlich wie wir heute Ostern.

Von den in etwa in der ersten Hälfte des 5. Jahrtausends entstandenen Kreisgrabenanlagen unserer Gegend, wozu auch die Anlage von Viecht gehört, stellte Dr. Engelhardt die Anlage von Künzing-Unternberg genauer vor. In deren Fundmaterial finden sich Hinweise darauf, wo die Anlagen und die damit verbundenen religiösen Ideen herkamen: Aus dem Osten, aus Österreich, wo auch einer der Verbreitungsschwerpunkte der Kreisgrabenanlagen liegt.

Die Himmelscheibe von NebraDie Vorstellungen wanderten mit dem Austausch von Waren. Funde weisen darauf hin, dass Feuerstein aus dem Arnhofener Silexbergwerk bei Abensberg in östlichen Gefielden sehr begehrt war. Interessanterweise markieren die Visierachsen bei den Kreisgrabenanlagen ganz unterschiedliche astronomische Daten, was Dr. Engelhardt mit den verschiedenen Patrozinien unserer Kirchen verglich.

Die bronzezeitliche Himmelsscheibe von Nebra, 2002 in einer abenteuerlichen Aktion aus den Händen von Hehlern gerettet und zu bewundern im Landesmuseum für Vorgeschichte in Halle, zeigt Voll- und Sichelmond, 32 Sterne mit dem Siebengestirn der Plejaden, an den Seiten zwei Horizontbögen und die „Sonnenbarke“, ein bronzezeitliches Symbol für die Sonne. Die Bronzescheibe war um 1600 v. Chr. auf dem Mittelberg in Sachsen-Anhalt zusammen mit wertvollen Beigaben kultisch vergraben worden. Dr. Engelhardt erklärte, welch komplizierte Zusammenhänge Astronomen auf der Scheibe sehen, darunter eine Regel, um Sonnen- und Mondjahr in Einklang zu bringen. Vom Fundort aus ist der Brocken zu sehen – eine Linie zur Bestimmung der Wintersonnenwende, die man auch über die Himmelscheibe anpeilen kann. Anschaulich schilderte der Archäologe, wie die Scheibe einst, von einem Priester bei feierlichen Zeremonien eingesetzt, die Menschen in ihren Bann gezogen haben muss. Faszinierend ist, dass sie das bis heute tut, wenn auch auf völlig andere Art.

 

 

 

Überlebenskünstler im Eis

Kreisheimatpflegerin Monika Weigl rückt Neandertaler ins rechte Licht

Ein Bericht von Susanne Hollmayer

 

Immer wieder muss er herhalten für Vergleiche mit Zeitgenossen von zweifelhaftem Benehmen: „Der hat sich ja aufgeführt wie ein thumber Neandertaler.“ Und immer noch muss sich der für uns immer noch rätselhafte Urmensch in der Literatur, im Fernsehen und in der Presse nicht selten eine abwertende Darstellung gefallen lassen. Dass das alles andere als gerechtfertigt ist, zeigte Monika Weigl, Kreisheimatpflegerin und Leiterin des Altdorfer Museums Adlhoch-Haus, beim letzten Vereinsabend von ArLan in der Ergoldinger Gastwirtschaft Proske.

Mit einer unterhaltsamen Präsentation von Bildern und Ideen plädierte sie dafür, das Wissen und Können des Neandertalers im Zusammenhang mit seiner Zeit zu sehen, ihn wertzuschätzen und auch entsprechend darzustellen.

Zunächst jedoch informierte ArLan-Vorstand Peter Geldner die zahlreich erschienenen Gäste über den aktuellen Stand bei den Bemühungen des Vereins um einen Stadtarchäologen. Grabungsfirmen, die bei Baumaßnahmen zum Vorschein kommende Bodendenkmäler fachgerecht bergen und dokumentieren, haben in Landshut häufig einen schweren Stand, wie Geldner beschrieb. Oft würde bei den Ausgrabungen nicht nach den Vorschriften des Landesamts für Denkmalpflege gehandelt. Als Beispiel nannte er die Ausgrabungen beim Kollerparkplatz, wo es bis zu einem Bußgeldbescheid kam, wie in einem kürzlich in der LZ erschienenen Artikel berichtet wurde. Ein Stadtarchäologe könne zwischen Bauherren und Archäologen vermittelnd eingreifen, so dass Konflikte gar nicht erst entstehen, und bei den Ausgrabungen nach kostengünstigen Lösungen suchen.

Wurf-SpeerAuf eine anschauliche und beherzte Zeitreise zum Neandertaler nahm dann Monika Weigl die Zuhörer mit. Die zweite ArLan-Vorsitzende beschäftigt sich seit ihrer Kindheit mit der Geschichte der frühesten Menschen. Durch ihre jahrelange museumspädagogische Arbeit mit Kindern hat sie einen ganz besonderen Zugang zu den Hinterlassenschaften der Vergangenheit, nämlich denjenigen des unmittelbaren Erfahrens und Erlebens. In ihrem Vortrag stellte sie klar, wie sehr wir in die frühe Menschenform des Neandertalers Vorstellungen hineininterpretieren, die die archäologischen Funde schlichtweg nicht hergeben, seien es nun Theorien von Wissenschaftlern oder gedankenlose, geringschätzende Aussagen von Museumsbesuchern. Dem entsprechen auch Zeichnungen vor allem in älterer Literatur und Nachbildungen, die den Neandertaler meist mit Gesichtszügen zeigen, in denen wir ganz automatisch die Wesenszüge „wenig intelligent“, „unsympathisch“ oder gar „bösartig“ herauslesen.

Dabei schaffte es der Neandertaler, ein in Europa entstandener Nachkomme des Homo erectus, Tausende von Jahren in der Eiszeit zu überleben – mit Kälte, Schnee und erheblichen Klimaschwankungen – bis vor circa 30.000 Jahren, als er ausgestorben ist. Warum, weiß die Wissenschaft bis heute nicht. Eine aktuelle Theorie besagt, dass er vom Homo sapiens, der sich in Afrika ebenfalls aus dem Homo erectus heraus entwickelt hatte und um 40.000 vor unserer Zeit in Europa einwanderte, verdrängt wurde – vielleicht, weil Homo sapiens anders als der Neandertaler die Fähigkeit zu künstlerischem Ausdruck besaß, was ihm den Kampf ums Überleben erleichtert haben könnte.

Anhand von Nachbildungen von steinzeitlichem Werkzeug erklärte Monika Weigl, welch hohes handwerkliches Geschick sowohl zur Herstellung als auch zur Nutzung dieses Werkzeugs nötig ist. Da sind zum einen Werkzeuge aus Feuerstein wie Faustkeile oder filigrane Pfeil- oder Blattspitzen, deren Anfertigung heutigen „Steinhandwerkern“ eine gehörige Portion an Übung, Konzentration und Geduld abverlangen. Allein das Wissen um die Techniken zur Feuersteinbearbeitung und die Herkunftsorte und Bezugsmöglichkeiten des Feuersteins ist ein Kosmos für sich. Speere für die Jagd waren mit Sicherheit nicht einfach simple Stäbe aus Holz, sondern raffiniert gearbeitete, auf die höchste Durchschlagskraft ausgerichtete Waffen. Die Wissenschaft geht davon aus, dass der Neandertaler sprechen konnte. Um diese Techniken den Nachkommen zu vermitteln, oder um Strategien für die gemeinsame Jagd abzusprechen, musste er sogar über differenzierte Ausdrucksmöglichkeiten verfügt haben, so Monika Weigl.

Ein Dolch aius Feuerstein, gefertigt vom experimentellen Archäologen Robert GrafKnochenfunde weisen darauf hin, dass der Neandertaler Kranke und Verletzte lange Zeit gepflegt und umsorgt hat, ein Verhalten, das ihm Menschlichkeit und soziale Fürsorge bescheinigt. Mit einiger Wahrscheinlichkeit bestattete er seine verstorbenen Mitmenschen, ein Merkmal für ethisches Empfinden. Und man kann wohl davon ausgehen, dass der Vorfahr sich bestens mit dem auskannte, was die Natur zum Überleben hergab – ein immenses Wissen, das uns heute weitgehend abhanden gekommen ist, weil wir es schlichtweg nicht mehr brauchen.

Zum Abschluss stellte die Referentin den bis heute noch gebräuchlichen, abschreckenden Bildern moderne Rekonstruktionen gegenüber, die den Neandertaler angemessen charakterisieren. Deren Gesichter spiegeln Menschlichkeit wieder, und sie bringen ein Nachdenken über sich und ihre Umwelt zum Ausdruck. Eine ganz moderne Nachbildung im Neandertalmuseum in Mettmann zeigt einen Neandertaler-Mann mit kurzen Haaren und im Anzug – würde er uns auf der Straße begegnen, er würde uns gar nicht weiter auffallen. Ob der Urmensch ein Fremder oder ein Verwandter für uns ist, ist letztendlich Ansichtssache, so Monika Weigls Fazit. Die Gäste dankten ihr den engagierten Vortrag mit viel Applaus.

 

 

 

Vereinsabend 14. Juni 2013:   In Memoriam Werner Hübner  /  Orts- und Flurnamen und deren Bedeutung

1. In Memoriam Werner Hübner

Bis zum letzten Platz war am vergangen Freitag beim Vereinsabend des Archäologischen Vereins Stadt und Landkreis Landshut das Nebenzimmer des  Gasthauses Proske in Ergolding besetzt. Dies, so 1. Vorsitzender Peter Geldner, sei sicherlich dem heutigen Referenten Monsignore Schober zu verdanken, dessen erster Teil des Vortrags über Orts- und Flurnamen und deren Bedeutung im vergangenen Jahr offensichtlich einen bleibenden Eindruck hinterlassen hat.

Anschließend bat der Vorsitzende die Vereinsmitglieder um ein  kurzes  Gedenken  für das vor kurzem verstorbene Gründungs- und Ehrenmitglied Werner Hübner. In seiner oft sehr persönlichen Rückschau erinnerte sich Geldner an sein erstes Zusammentreffen vor über 20 Jahren mit Werner Hübner bei dessen "Wanderungen in die Zeit". Im Laufe der Jahre  habe sich für ihn und auch Schriftführer Siegfried Ramsauer daraus eine bleibende Freundschaft entwickelt. Vor allem die wöchentlichen Freitagstreffen mit Werner Hübner, bei denen man nicht nur über Archäologie, sondern auch über viele andere , meist wissenschaftliche interessante Themen fabulierte und diskutierte, bleiben sicherlich unvergessen. Aber nicht nur sein umfangreiche Wissen und die Fähigkeit dies auch  verständlich vermitteln zu können, zeichneten Werner Hübner aus; vor allem seine menschliche Art haben ihn zu einem väterlichen Freund werden lassen. Sein langjähriges Wirken und Arbeiten für seine Passion "Geschichte" hat in vielen Vorträgen, Führungen und Publikationen seinen Niederschlag gefunden. Hervor zu heben sind seine beiden Bücher  "Wanderungen in die Zeit" sowie "Römerstraßen im Isartal".  Große Verdienste hat sich Werner Hübner vor allem auch durch seine jahrzehntelangen Feldbegehungen und die damit verbundenen zahllosen Funde  archäologischer Artefakte erworben, wofür er mehrere Auszeichnungen erhielt.
Für sein umfangreiches Engagement für den Verein arLan wurde ihm am 20. April diesen Jahres die Ehrenmitgliedschaft verliehen.

Im Anschluss an die Ausführung des 1. Vorsitzenden Geldner begrüßte Monsignore Johann Schober die Anwesenden zum Vortrag:
 

2. Orts- und Flurnamen und ihre Bedeutung - Teil 2 oder  „Weiter geht`s mit E".

Referent: Monsignore Johann Schober

Um es schon vorab zu sagen: Es war wieder äußerst spannend, interessant und kurzweilig und... am heutigen Abend schaffte es Monsignore Schober nur bis zum Buchstaben H.
Dabei  kam er nicht nur auf die ursprüngliche Bedeutung und die erste urkundliche Erwähnung
der betreffenden Orte zu sprechen, sondern verdeutlichte immer wieder die überregionalen Zusammenhänge, sei es mit Klöstern oder weltlichen Herrschaftsansprüchen, die sich aus den ursprünglichen Ortsnamen erkennen lassen. Es war für viele sicherlich überraschend, dass sich  aus den Ortsnamen sowohl  der Gründungszeitraum, wie auch der Bezug des Gründers zu den entsprechenden Herrschaftsverhältnissen, auch noch nach Jahrhunderten, über Urkunden finden bzw. nachweisen lässt.
Für manche mag es aber auch ein bisschen frustrierend sein, wenn sein ursprünglicher Gedanke über einen Ortsnamen sich als falsch erweist wie z.B. bei Ergolding, das nichts mit Gold zu tun hat. Der Ursprung der Ortsbezeichnung ist ein Personenname, in diesem Falle ein "Ergelt" der dort Besitz hatte bzw. Gründer des Ortes war. Manche Ortsnamensgeber lassen sich bis in die romanische Zeit ableiten.

Es ist daher besonders beeindruckend wie sich Namenskunde und Archäologie miteinander verknüpfen lassen. Der lang anhaltende Applaus den Monsignore Schober für seine Ausführungen erhielt, zeigt wie gekonnt die Thematik vorgetragen wurde und wie spannend sein Vortrag war. Weiter geht`s dann voraussichtliche im November mit dem Buchstaben „i“.

 

 

 

12.4.2013, Die gotischen Gewölbe der Landshuter und ostbayerischen Bauschule des späten Mittelalters

Referent Christoph Stein

Ein Bericht von Susanne Hollmayer

 

Von der Architektursprache gotischer Gewölbe

Wer blickt bei der Besichtigung einer Kirche in der Region schon mal länger nach oben? Beim Vortrag des letzten Vereinsabends des Vereins ArLan, „Archäologie in Stadt und Landkreis Landshut“ wurde klar, warum man genau das tun sollte, sobald sich einem die Gelegenheit dazu bietet. Christoph Stein, Kassier des Vereins, referierte über „Gewölbefigurationen der spätgotischen Kirchen zwischen Isar und Inn“ und setzte damit die Tradition von ArLan fort, an den Vereinsabenden auch nicht-archäologische Themen aufzugreifen.

Gotische Gewölbe
Freuten sich über den aufschlussreichen Vortrag und das gelungene Werk: Niederaichbachs Heimatpfleger Otmar Reiter, 2. ArLan-Vorsitzende Monika Weigl, Referent Christoph Stein und ArLan-Vorsitzender Peter Geldner mit dem Replikat eines Gewölbeschlusssteins von St. Jodok (v.l.n.r.).
 In überirdisch anmutenden Höhen: Die Gewölbe von St. Martin, im Mittelschiff in der Zweiparallelrippenfiguration, im Chor in der Figuration der Fließenden Rauten.
Die Fließenden Rauten ziehen sich auch im Gewölbescheitel von St. Paulus in Pauluszell (Gemeinde Wurmsham) hin.

 

Christoph Stein hat unzählige Kirchen seines Forschungsgebiets besucht und sich intensiv mit den Gewölbefigurationen befasst, die in den gängigen Publikationen nur oberflächlich oder gar nicht behandelt werden. Im Vortrag erklärte er, anhand von farbig gekennzeichneten Fotografien und für jedermann gut verständlich, wie sich die Gewölbe aufbauen, welche Grundtypen sich feststellen lassen, wie sie sich entwickelten und woher sie beeinflusst wurden. Anhand von Verbreitungskarten zeigte er, dass die Landshuter Region einer nach Böhmen und Österreich übergreifenden Gewölbelandschaft angehört. Je besser man die kunstvoll gestalteten Gewölbe zu lesen versteht, desto mehr schärft sich auch der Blick für deren Ästhetik. Und plötzlich sieht man auch, wie sehr sich die immer komplizierter werdenden Figurationen auf die Wahrnehmung des Kirchenraums auswirken, den die Menschen dieser Zeit noch völlig anders erlebt haben als wir heute.

Christoph Stein entführte die zahlreich erschienenen Gäste in die Zeit des ausgehenden Mittelalters, von circa 1400/1450 bis 1510/20, in die Zeit der Reichen Herzöge und der „Landshuter Hochzeit“, in der im Land so viele Kirchen gebaut wurden wie vorher und nachher nicht. Grundlage für seine Forschungen waren die Arbeiten des in Arnstorf bei Eggenfelden aufgewachsenen Geistlichen Franz Dambeck (1903-1974), der entscheidende Beiträge zu den Gewölben der spätgotischen Kirchen unserer Region verfasst hat. Der Priester Dambeck, der auch promovierter Architekturgeschichtler war, half beim Wiederaufbau der im Krieg beschädigten Kirchen mit. Wegen seiner Fachkenntnis wechselte er später ans Landesamt für Denkmalpflege und wurde Landeskonservator. In den Gewölben der spätgotischen Kirchen Ostbayerns erkannte er mehrere Figurationstypen, die auch in unterschiedlichen Varianten ausgeprägt sind.

An den Beginn seines Vortrags stellte der Referent die Kirche Mariä Himmelfahrt in Jenkofen, lässt sich doch hier hervorragend die Entwicklung vom Kreuzrippengewölbe, wie es bereits in der Romanik bekannt war, hin zum Vierrautenstern nachvollziehen – ein Schritt, der erst die Grundlage schuf für die Entstehung der Rautennetzgewölbe. Die ursprünglich in Prag entstandene Figuration des Vierrautensterns wurde bei uns bis ins 16. Jahrhundert hinein häufig verwendet, so in den Seitenschiffen von St. Nikola und in der Heiliggeistkirche in Landshut. Das Hauptschiff von St. Nikola zeigt bereits die Steigerung, den Sechsrautenstern.

Ebenso aus Prag stammt die Zweiparallelrippenfiguration, wie sie im Hauptschiff der Landshuter Martinskirche oder auch in der Geisenhausener Martinskirche zu sehen ist. Sie wurde zum ersten Mal Ende des 14. Jahrhunderts vom Dombaumeister Peter Parler im Prager Veitsdom entwickelt. Hier zeigen sich Beziehungen zwischen Bayern und Böhmen, die die ganze Spätgotik über bestehen bleiben sollten, und die auch auf Verbindungen zwischen den Baumeistern hinweisen: Hans von Burghausen, der Erbauer von St. Martin, war wohl in jungen Jahren unter Parler in Prag tätig gewesen.

Im Chor der Martinskirche findet sich wieder eine neue Figuration, die möglicherweise in Landshut erfunden worden ist, nämlich die der Fließenden Rauten mit längsgestreckten Rautenfeldern. Bewirkt bereits die Zweiparallelrippenfiguration, dass der Blick des Betrachters nach vorne in Richtung Chor gezogen wird, so verstärkt die Figur der Fließenden Rauten diese Wirkung noch einmal ganz erheblich. Die erweiterte Form der Zweiparallelrippenfiguration, die Dreiparallelrippenfiguration, die eine Vielzahl neuer Rautenfelder schafft, fand bei uns ebenso weite Verbreitung, im Landshuter Raum zum Beispiel im Chor der Pfarrkirche von Oberganghofen.

Wechselberger Gewölbe, Kirche St. Jodok LandshutAnhand von Karten erklärte Christoph Stein die Verbreitungsgebiete der beiden letzten Figurationstypen, der aus Wien importierten und hier zum Ende des 15. Jahrhunderts verbreiteten Geknickten Reihung und der in verschiedenen Variationen vorliegenden Wechselberger Figuration, die von der Ostbayerischen Bauschule entwickelt wurde. Einen Kulminationspunkt in der Gewölbeentwicklung stellt die Stadtpfarrkirche von Eggenfelden dar, die eine besonders komplizierte Variante der Wechselberger Figuration mit anderen Gewölbegestaltungen vereint. Im Landshuter Raum findet man diesen letzten Typus unter anderem in St. Jodok – einer frühen gotischen Kirche, die aber spät eingewölbt wurde.

Seinen mit viel Applaus bedachten Vortrag beschloss der Referent mit der Feststellung, dass die vorgestellten Gewölbefigurationen wohl zum bedeutendsten Architekturgut gehören, das je in unserer Region entstanden ist. Die Beschäftigung damit habe ihm größten Respekt für die Leistungen der Vorfahren verschafft.

An die Diskussion, bei der vor allem Fragen der Statik geklärt wurden, schloss sich noch eine zum Thema passende Überraschung an: Otmar Reiter, Heimatpfleger aus Niederaichbach, präsentierte eine Naturstein-Kopie eines Schlusssteines im Gewölbe der Annakapelle in St. Jodok. Der Schlussstein zeigt die Wappen von Herzog Georg dem Reichen und Hedwig von Polen und verweist damit auf die „Landshuter Hochzeit“. Die Negativ-Kopie aus Silikon-Kautschuk hat Otmar Reiter zusammen mit Helfern vor ungefähr 20 Jahren vom Schlussstein abgenommen, als St. Jodok restauriert wurde.

 

 

22.3.2013, Werkzeuge und Waffen der Steinzeitmenschen

Veranstaltung des Historischen Forums Altdorf

Referent Robert Graf, Winhöring

Ein Bericht von Susanne Hollmayer

 

Ein Abend im Kosmos des Steinhandwerks.

Archäotechniker Robert Graf begeistert in Altdorf mit professioneller Feuersteinbearbeitung

Den Abend mit dem Archäotechniker Robert Graf im Altdorfer Bürgersaal werden die Gäste wohl nicht so schnell vergessen. Der Archäologe aus Winhöring fertigt Werkzeuge und Gerät aus Feuerstein

Eine Wissenschaft für sich: Archäotechniker Robert Graf erklärt, was man bei der Bearbeitung des Vulkanglases Obsidian alles beachten muss.
Silexbearbeitung durch Robert Graf, Archäotechniker
nach Vorbildern aus der Steinzeit, seitdem er 15 Jahre alt ist. Zur Bearbeitung des Feuersteins hat er sich über Jahre hinweg Techniken angeeignet, wie sie auch in der Steinzeit angewendet worden sein könnten. Mittlerweile beherrscht er das wiederbelebte Handwerk meisterhaft – in der deutschsprachigen Szene der Flintschläger gilt er als der Drittbeste. Als Robert Graf kürzlich im Rahmen des Historischen Forums Altdorf über seine Arbeit referierte, war der Altdorfer Bürgersaal nahezu bis auf den letzten Platz besetzt. Und als er im Anschluss daran ein paar Kostproben seines Könnens zeigte – darunter außergewöhnliche Bearbeitungstechniken der Azteken und der Maya – , fieberten die Gäste derart mit, dass die Spannung regelrecht in der Luft lag.

In einer Ausstellung konnten die Besucher die Ergebnisse solcher Bearbeitungsprozesse bewundern, ebenso wie Werkzeug und Gerätschaften zur Feuersteinbearbeitung vor allem aus Holz und Geweih, das natürlich ebenso die Gerätschaften aus der Steinzeit nachbildet. Zum Repertoire von Robert Graf gehören Pfeilspitzen, Blattspitzen, Faustkeile und Dolche aus verschiedenen Arten von Feuerstein, von solch einer perfekten Symmetrie und so präzise gearbeitet, dass man es kaum glauben mag. Die funkelnden, durchscheinenden Klingen aus dem vulkanischen Glas Obsidian sind so unerhört scharf, dass ein Berühren mit höchster Vorsicht zu genießen ist – nicht umsonst werden Obsidian-Skalpelle zunehmend in der plastischen Chirurgie eingesetzt.

Technik, die begeistert

Archäotechniker Graf, der seine Vorführungen vor allem in großen Museen wie dem Federseemuseum beim Bad Buchau in Baden-Württemberg gibt, ist immer wieder auch im Altdorfer Museum Adlhoch-Haus zu Gast, wo er Kinder und Erwachsene mit seinem Können begeistert. Bei seinem Vortrag im Bürgersaal lernten die Zuhörer zunächst einmal die theoretische Seite der Feuersteinbearbeitung kennen. Feuerstein, auch Hornstein, Silex oder Flint genannt, ist eine Siliziumdioxidverbindung, gebildet durch chemische Prozesse aus Kleinstlebewesen, die vor mehreren hundert Millionen Jahren in den Urmeeren lebten. Anhand der im Mikroskop sichtbaren Mikroorganismen lassen sich Entstehungszeit und Herkunft des Feuersteins feststellen. Vorkommen kann er überall dort, wo sich früher Meere befanden, wie das Jurameer vor etwa 170 Millionen Jahren oder das Kreidemeer vor etwa 80 Millionen Jahren.

Schon in der Jungsteinzeit war qualitätvoller Feuerstein sehr begehrt und ein wertvolles Tauschgut, so der Archäologe. Das harte und homogene Gestein lässt sich kontrolliert spalten, es bricht sehr scharfkantig und bildet den nach Heinrich Hertz benannten Bruchkegel aus. Ein Beispiel für gut zu bearbeitenden Feuerstein in Bayern ist Arnhofener Plattensilex, der im Arnhofener Feuersteinbergwerk bei Abensberg schon in der Jungsteinzeit über mehrere Meter tiefe Schächte abgebaut wurde. Auch Robert Graf bezieht von dort gerne sein Arbeitsmaterial. Als Mekka für Feuersteinliebhaber bezeichnet der Archäotechniker aber die baltische Kreideküste, aus Dänemark hat er schon mehrere Ladungen Feuerstein zu sich nach Winhöring in seine Werkstatt verfrachtet.

Archäotechniker Robert Graf, Geräte aus Silex und Obsidian
Hier das Ergebnis eines gelungenen Schlags: Eine schneidige Klinge aus Feuerstein. Ein Faustkeil. Eine Klinge aus Obsidian (Vulkanglas). Ein Dolch.
Viel Wissen und Übung

Die Kunstfertigkeit in der Flintbearbeitung mag sich dem Laien nicht auf den ersten Blick erschließen – das „Steineschlagen“ scheint den Vorführenden meist leicht von der Hand zu gehen. Bei der Veranstaltung in Altdorf wurde dem Publikum jedoch klar, wie immens viel Wissen und Übung ein „Flintknapper“ mitbringen muss, um Stücke so professionell herstellen zu können wie Robert Graf. Für ein möglichst gutes Gelingen braucht es neben den richtigen Techniken auch eine fundierte Kenntnis der bruchphysikalischen Grundsätze sowie das Wissen um Fehler. Möchte man von einem steinzeitlichen Feuersteinartefakt auf die Herstellungstechniken der Steinzeitleute schließen, so ist nach Robert Graf höchste Vorsicht geboten, da enorm viele unbekannte Faktoren die Arbeitsprozesse beeinflussen.

Fischschwanzdolch, Nachbildung des Schwerts von Ätte
Bewunderung in der Szene der “Flintknapper” erntete Robert Graf für die Nachbildung des sogenannten Schwerts von Ätte. (li.)
Das edle Ergebnis vieler Arbeitsstunden: Ein Fischschwanzdolch, gefertigt nach einem berühmten Vorbild im Kopenhagener Nationalmuseum. (re.)
Als Vergleichsbeispiel führte der Referent einen USB-Stick aus dem Jahr 2013 an, auf dem ein Musikstück abgespeichert wurde, und der von unseren Nachfahren in 2800 Jahren ausgegraben wird: Zwar ist die Musik zu hören, doch weitere Informationen, wie zum Komponisten, zu den Instrumenten oder zur Zusammensetzung des Orchesters, sind verloren gegangen. Eine hundertprozentige Wiederherstellung des Originals ist somit nicht möglich.

Dolch von “Hindsgavl”

Zum Abschluss zeigte Robert Graf herausragende Stücke, deren Herstellung besonders aufwendig und kompliziert gewesen war. So fertigte er erst letztes Jahr eine Replik vom endjungsteinzeitlichen „Dolch von Hindsgavl“ an, einem skandinavischen Fischschwanzdolch, der im dänischen Nationalmuseum in Kopenhagen zu sehen ist und den dänischen Hundert-Kronen-Schein ziert.
Ein Meisterwerk des Winhöringers ist auch die Replik des frühbronzezeitlichen „Schwerts von Ätte“, das in Dänemark im Grabhügel einer hochrangigen Person entdeckt wurde. Das Schwert aus Feuerstein, das im Kampf sofort zerbrochen wäre, diente dem Bestatteten als Abzeichen seines hohen Rangs – die Form lässt erkennen, dass hier südliche Bronzeschwerter nachgeahmt wurden, für die im Norden die Rohstoffe fehlten.

Als Robert Graf seine Künste vorführte, wollten die Fragen der vielen Zuschauer fast kein Ende nehmen – der Steinhandwerker wird wohl bald wieder nach Altdorf kommen müssen.

 

 

 

8.3.2013, Geschichte für die Zukunft erschließen
Historisches und Aktuelles: Jahreshauptversammlung des Vereins ArLan

Ein Bericht von Susanne Hollmayer.

Zahlreiche Vereinsmitglieder wie auch geschichtsinteressierte Nichtmitglieder hatten sich kürzlich zur 8. Jahreshauptversammlung des Vereins „ArLan – Archäologie in Stadt und Landkreis Landshut“ im Ergoldinger Gasthof Proske zusammengefunden.  Vorsitzender Peter Geldner thematisierte das Geschehen des vergangenen Jahres sowie die aktuellen Projekte und Ziele. Er freute sich über die erfolgreiche Etablierung des Kreisarchäologen Thomas Richter, der seit 2012 beim Landkreis Landshut festangestellt ist, und betonte, wie vorteilhaft sich die Einstellung eines Stadtarchäologen für die Stadt Landshut auswirken würde. In Anschluss referierte der Taufkirchener Heimatforscher Hans Jell über das alte Landgericht Erding, das Ende des 12. Jahrhunderts bis vor die Tore von Landshut reichte.

Im Jahr 2012 ist der Wechsel gelungen, so Peter Geldner. Kreisarchäologe Thomas Richter, 2011 noch mit Mitteln des Landkreises über den Verein ArLan beschäftigt, ist seit Anfang 2012 direkt beim Landkreis Landshut angestellt. Dort vermittelt er erfolgreich zwischen Bauherren und dem Landesamt für Denkmalpflege, wenn Baumaßnahmen von archäologischen Untersuchungen begleitet werden. Der junge Archäologe sucht nach Lösungen, wie archäologische Maßnahmen möglichst kostensparend durchgeführt werden können und dennoch den Anforderungen des Denkmalschutzes entsprechen – schon bei mehreren Ausgrabungen hat er durch seine Beratung für eine erhebliche Reduzierung der Kosten gesorgt. Besonders gefreut habe es ihn, sagte Geldner, dass die Stelle parteiübergreifend einstimmig beschlossen und der Kreisarchäologe von allen Bürgermeistern sehr gut angenommen worden ist. Der Verein ArLan hatte sich über Jahre hinweg dafür eingesetzt, dass im fundreichen und geschichtsträchtigen Landkreis Landshut, wo bei Baumaßnahmen immer wieder Spuren der Vergangenheit sichtbar werden, ein Kreisarchäologe tätig wird.

So sehr sich Peter Geldner über das erfolgreiche Wirken des Kreisarchäologen freute, so sehr bedauerte er, dass sich die Stadt Landshut noch nicht zur Anstellung eines Stadtarchäologen durchgerungen hat. Auch hier könnten enorme Kosten eingespart, Konflikte zwischen Bauherren und Archäologen vermieden und Erkenntnisse zur Stadtgeschichte gewonnen werden.
Weiterhin berichtete der Vorsitzende von den Projekten, die letztes Jahr realisiert werden konnten, und bedankte sich bei den Mitwirkenden. Der im Juli 2012 eröffnete Landshuter Höhenwanderweg von Buch am Erlbach nach Achdorf komme bei der Bevölkerung außerordentlich gut an. Das Anliegen des Vereins, den Höhenwanderweg auch auf Stadtgebiet umzusetzen, wird verwirklicht: Auch in der Stadt wird das Projekt „Landshuter Höhenwanderweg“ in Angriff genommen, so dass der Wanderweg eine durchgehende Linie von Buch nach Niederaichbach bilden wird.

Jahreshauptversammlung 8.3.2013, Geisselmann, Geldner, JellMit neuen Inhalten wurde die von Alfred Geisselmann erstellte und betreute Homepage www.arlan.de ausgestattet: Werner Hübner stellte seine Bücher „Wanderungen in die Zeit“ und „Römerstraßen im Isartal“ in digitaler Form zur Verfügung, Rupert Forster seine umfassende Arbeit zur Gemeinde Hohenthann und Monsignore Johann Schober seine Forschungen zu den fünfzehn ältesten Orten des Landkreises. Ein von Alfred Geisselmann entworfener Flyer wird demnächst über die Aktivitäten und Ziele des Vereins informieren.
Weiterhin wies Peter Geldner auf die bereits feststehenden Vorhaben im Jahr 2013 hin, zu denen auch interessierte Nichtmitglieder eingeladen sind. So soll mit Hilfe einer professionellen Zeichnerin eine ältere Ausgrabung wissenschaftlich ausgewertet werden. Geplant sind auch die Durchführung einer Ausgrabung unter Anleitung eines Archäologen und Feldbegehungen. Voraussichtlich von 3. bis 5. Oktober findet der Vereinsausflug nach Franken unter der Leitung von Dr. Bernd Engelhardt statt. Am 22. März referiert der experimentelle Archäologe Robert Graf um 19.30 Uhr im Altdorfer Bürgersaal zum Thema „Steinwerker – Handwerker“, und am nächsten Vereinsabend am 12. April wird Christoph Stein über gotische Kirchen im Landshuter Raum sprechen.

Nach den Berichten des Vorsitzenden und des Kassenverwalters Christoph Stein stellte Hans Jell seine Forschungen zum alten Landgericht Erding vor. Die Geschichte des Landgerichts Erding ist gleichzeitig ein Stück Geschichte von Stadt und Landkreis Landshut, gehörten ihm doch der südwestliche Teil des heutigen Landkreises einschließlich Achdorf und Berg an. Auf der Entwicklung dieses Gebiets lag der Schwerpunkt von Hans Jells Vortrag. Detailliert beschrieb der Heimatforscher die Ergebnisse seiner fundierten Forschungen, wobei er auf die Vor- und Frühgeschichte ebenso einging wie auf die Geschichte der Kirche, des Adels und der Wittelsbacher, wie sie sich in den schriftlichen Quellen widerspiegelt. Dass der Vortrag von Hans Jell bei den Gästen überaus gut ankam, zeigten die vielen Fragen, die an den Referenten gerichtet wurden. In der anschließenden Diskussion wurde erneut der Wunsch nach einem Stadtarchäologen ausgesprochen, der Licht in die frühe Geschichte Landshuts bringen könnte. Der Vortrag von Hans Jell ist auf www.arlan.de nachzulesen.


(Vortrag als PDF, siehe nächster Beitrag)

 

 

8.3.2013, Das alte Landgericht Erding ab 1180, mit seiner Ausdehnung bis vor die Stadt Landshut

Referent Hans Jell

Landshut-Achdorf und -Berg, gehörten im späten Mittelalter nach der Landesteilung zum Landgericht Erding. Der Vortrag behandelte hauptsächlich den heutigen südwestlichen Teil des Landkreises Landshut. Hier wurde die Entwicklung der einzelnen Orte ab 700 aufgezeigt, zudem die Entwicklung des Adels, der Hofmarken, der Kirche und der Wittelsbacher Herzöge. Das Erdinger Gericht war damals das größte im Herzogtum Niederbayern.

 

 

8.2.1013, Die Tracht des Bajuwarenfürsten

Veranstaltung des Historischen Forums Altdorf

Vortrag von Hans-Peter Volpert

Ein Bericht von Susanne Hollmayer

 

Archäologe Hans-Peter Volpert referierte in Altdorf über frühmittelalterliche Lebenswelten

Die Spuren der Vergangenheit mittels Ausgrabungen und anderer Techniken zu dokumentieren und zu interpretieren, ist nur eine Aufgabe der Archäologie. Eine andere ist es, die entdeckten Strukturen und Funde zu rekonstruieren und vergangene Lebenswelten in anschaulichen Bildern und Objekten greifbar zu machen. Wie sich speziell bajuwarische Funde rekonstruieren lassen, darüber sprach beim letzten Vortrag des Historischen Forums Altdorf Hans-Peter Volpert. Der Münchner Archäologe unterstützt derzeit das Altdorfer Museum Adlhoch-Haus bei der Neugestaltung der archäologischen Abteilung. Die Bajuwaren werden in der neuen Ausstellung eine große Rolle spielen, denn das Museum beherbergt reiche Funde aus mehreren frühmittelalterlichen Reihengräberfeldern in Altdorf, und im Altdorfer Bürgersaal kann ein Holzbrunnen dieser Zeit aus Pfettrach-Höfen b

Vortrag Bajuwaren
V.l.n.r.: Altdorfs Bürgermeister Helmut Maier, ArLan-Vorsitzender Peter Geldner, Museumsleiterin Monika Weigl, Archäologe Hans-Peter Volpert, Rupert Wimmer von der Gesellschaft für Archäologie in Bayern, Altdorfs 2. Bürgermeisterin Renate Zitzelsberger, Kreisarchäologe Thomas Richter
ewundert werden.

Altdorfs Bürgermeister Helmut Maier freute sich, so viele interessierte Zuhörer beim Historischen Forum begrüßen zu dürfen – der Bürgersaal war bis auf den letzten Platz besetzt. Das ist kein Wunder, denn in der Landshuter Region legten die Archäologen in den letzten Jahrzehnten immer wieder überaus aussagekräftige Gräber aus der Bajuwarenzeit frei, wie in Altdorf, Ergolding oder Eching-Viecht. Die bajuwarischen Gräberfelder in Essenbach-Altheim und Eching-Viecht reichen bis ins 5. Jh. n. Chr. zurück, auch in Ergolding lässt sich die frühmittelalterliche Besiedelung bis in dieses Jahrhundert zurück nachweisen.
In Ergolding – im frühen Mittelalter ein Ort von überregionaler Bedeutung – untersuchten Archäologen in den Jahren 1997 bis 2002 ein mehrere hundert Gräber umfassendes Reihengräberfeld des 7. und frühen 8. Jhs., bei dem ein ungewöhnlich reich ausgestattetes „Fürstengrab“, einst in einer hölzernen Grabkammer unter einem Grabhügel angelegt, zu Tage kam. Dieses Grab war zu einem Teil bereits beraubt – im anderen Teil aber fanden sich Skelette dreier Krieger mit Waffenbeigaben, darunter ein Säbel und eine kunstvoll verzierte Gürtelgarnitur nach Art der Awaren.

Das Interesse am Vortrag war wohl auch deshalb so groß, weil Hans-Peter Volpert von Berufs wegen die für Laien oftmals trockenen Ergebnisse archäologischer Forschungsarbeit in für alle verständliche Bilder umsetzt. Zusammen mit Studenten baut er seit nahezu zehn Jahren bei München den „Bajuwarenhof Kirchheim“ auf, ein Freilichtmuseum und zugleich ein archäologisches Langzeitprojekt zur Erforschung der Lebensweise in der Region im 6. und 7. Jh. n. Chr. Der Archäologe arbeitet auch für andere Projekte, bei denen es darum geht, für die im Boden entdeckten Spuren möglichst gute Bilder zu finden. So war er an der Nachstellung einer „fürstlichen“ Bestattung aus dem 8. Jh. beteiligt, die im archäologischen Museum im mittelfränkischen Greding zu besichtigen ist. Die fünf Krieger, die in zwei hölzernen Kammern zu zweit und zu dritt lagen, wurden dabei als Figurinen mit Tracht und Waffenbeigaben nachgebildet.
Anhand dieser beiden Beispiele erläuterte Hans-Peter Volpert, vor welchen Schwierigkeiten Archäologen bei der Rekonstruktion vergangenen Lebens oft stehen und welche Fragestellungen sie dabei berücksichtigen. Eine besondere Herausforderung ist die Nachbildung von Gegenständen aus organischen Materialien, denn diese erhalten sich im Boden nur unter bestimmten Bedingungen. Wo die Aussagekraft der archäologischen Zeugnisse aufhört und auch Vergleichsbeispiele nicht mehr weiterhelfen, konstruieren Archäologen eine Version, die für sie vor dem Hintergrund ihres Fachwissens am wahrscheinlichsten ist. Hans-Peter Volpert und seine Kollegen bilden nicht nur nach, sondern probieren auch aus: Durch ihre Experimente ergaben sich schon häufig interessante Lösungen für die Funktionsweise und damit natürlich auch das Aussehen eines Objekts. 
Für die Rekonstruktion von Kleidung des frühen Mittelalters können meist noch bildliche Quellen als – mit Vorsicht zu genießende – Vorlage herangezogen werden. Die archäologischen Zeugnisse aber bestehen hier meist aus winzigen Spuren organischer Materialien, die an Eisenfunden wie Schwerter ankorrodiert sind. An den Schwertern der Gredinger Bestattung fanden sich Überreste von Textilfasern, Leder und Horn. Die wissenschaftliche Untersuchung ergab die Webart, nicht aber die Farbe oder die Art der Textilien.
Der „Fürst“ der Fünfergruppe, ausgestattet mit einem altertümlich anmutenden Langschwert, wurde mit einer Tunika mit Goldbrokatborte bekleidet rekonstruiert – im Grab fanden sich auch Goldfäden, die nur mit speziellen Mikroskopen sichtbar sind. Auffällig an der Gredinger Bestattung ist, dass sie im Vergleich zu anderen Bestattungen dieser Zeit sehr wenige Beigaben enthielt, so Hans-Peter Volpert. Gräber dieser Zeit enthalten in der Regel mehr Bestandteile der damals typischen Ausrüstung, wie Schildbuckel, Gürtelbestandteile oder Sporen – wie das Ergoldinger „Fürstengrab“. Die Archäologen vermuten, dass die Gredinger Krieger in einem Hinterhalt ihrer Ausrüstung beraubt wurden und man in der Heimat versuchte, sie mit zusammengetragenem Material ihrem Rang entsprechend zu bestatten.

Ein Ort für lebendige Archäologie: Die Gebäude des Bajuwarenhofs Kirchheim
Bajuwarenhof Kirchheim
Im Bajuwarenhof Kirchheim geht es darum, anhand experimenteller Archäologie die Lebensweise der Menschen im frühen Mittelalter zu erforschen und für Besucher nachzustellen. Ein größeres Langhaus ist gerade im Bau, bereits fertig gestellt sind zwei kleinere Grubenhäuser mit Werkstätten, Gemüsegärten und Weideeinhegungen. Die Wände bestehen aus mit Lehm verputztem Flechtwerk oder Spaltbohlen, die Häuser wurden mit Schilf gedeckt. Das Projektteam fertigt die Arbeiten selbst an, verwendet werden nur Werkzeuge und Materialien, die für das frühe Mittelalter nachgewiesen sind, wie Holzdübel statt Eisennägel.
Lang dauerte die anschließende Fragerunde, und nach diesen Ausführungen darf man auf die neu gestaltete Ausstellung im Altdorfer Museum Adlhoch-Haus höchst gespannt sein.

 

 

25.1.2013, Zwei Jahre Kreisarchäologie - Ein Gewinn für Geschichte und Bauherren, Jahresrückblick 2012

Vortrag von Thomas Richter, Kreisarchäologe

Veranstaltung des Historischen Forums Altdorf

Ein Bericht von Susanne Hollmayer

Kreisarchäologe hielt Jahresrückblick beim Historischen Forum Altdorf

Die Geschichte des Landkreises Landshut ist 2012 um einiges reicher geworden – dies wurde im Jahresrückblick des Kreisarchäologen Thomas Richter deutlich. Insgesamt 47 Ausgrabungen in den letzten zwei Jahren ergaben neue Erkenntnisse über die Epochen von der Jungsteinzeit bis hinauf ins späte Mittelalter. Doch nicht nur das Geschichtsbild profitierte von Thomas Richters Tätigkeit, sondern auch die Bauherren im Landkreis, ob Gemeinden, Investoren oder Privatleute – denn der Kreisarchäologe ist seit 2011 dafür eingesetzt, zwischen diesen und dem Landesamt für Denkmalpflege zu vermitteln. Sind bei Baumaßnahmen archäologische Voruntersuchungen nach dem Bayerischen Denkmalschutzgesetz nötig, so hilft Thomas Richter, Kosten zu sparen, und sorgt für einen Interessensausgleich zwischen Bauherren und Behörden.

Jahresrückblick 2012, Kreisarchäologie
Freuen sich über die gelungene Etablierung der Kreisarchäologie (v.l.n.r.): Rupert Wimmer von der Gesellschaft für Archäologie in Bayern, Kreisarchäologe Thomas Richter, Kreisheimatpflegerin für Archäologie Monika Weigl, ArLan-Vorsitzender Peter Geldner

Der Jahresrückblick eröffnete die Vortragsreihe „Historisches Forum Altdorf“, die vom  Verein ArLan e. V., der Gesellschaft für Archäologie in Bayern e. V. und dem Heimat- und Museumsverein Altdorf e. V. unterstützt wird. Organisatorin Monika Weigl, Kreisheimatpflegerin für Archäologie, bezog sich in ihrem Grußwort auf die Weltuntergangstheorien zum Maya-Kalender, die 2012 durch so manche Köpfe gegeistert waren. Häufig werde in die archäologischen Zeugnisse etwas hineininterpretiert, das Fortschreiten der Zeit eröffne aber immer wieder neue Ergebnisse und Sichtweisen. Eine neue und spektakuläre Erkenntnis im Jahr 2012 hätten die Ausgrabungen auf dem Acker Altdorf-Aich gebracht, die im Zuge des Baus des Altdorfer Fachmarktzentrums durchgeführt worden waren. Dort, wo Monika Weigl und ehrenamtliche Helfer schon vor Jahrzehnten Keramik und Steinwerkzeug aufgelesen und bedeutende archäologische Strukturen unter dem Boden vermutet hatten, entdeckten die Ausgräber eine Grabgruppe von hohem wissenschaftlichem Wert.

Über eine weitere Neuigkeit im Jahr 2012 freute sich Monika Weigl besonders: Thomas Richter, auf Initiative des Vereins ArLan hin und mit Unterstützung des Landkreises und des Landesamts für Denkmalpflege schon seit 2011 als Kreisarchäologe tätig, ist seit Beginn 2012 direkt beim Landkreis angestellt.

Thomas Richter, der mit seiner Anstellung beim Landkreis in das TÜV-Gebäude in Ergolding umgezogen ist, bedankte sich bei allen, die zum guten Gelingen seiner bisherigen Arbeit beigetragen haben. Im Vortrag berichtete er über die wichtigsten Ausgrabungen aus dem Jahr 2012. Ausführlich schilderte er die Besonderheiten der von Monika Weigl erwähnten Grabgruppe aus der Übergangszeit vom Alt- zum Mittelneolithikum, also in etwa aus der Zeit um 4900 v. Chr. Die insgesamt vierzehn Körper- und Brandgräber waren im Januar und Februar im Bereich des Aldi-Parkplatzes des neuen Fachmarktzentrums entdeckt worden. Im fundreichen Pfettrachtal gelegen, standen die Bestattungen einst in Verbindung mit einer linienbandkeramischen Siedlung, die in den 90er Jahren im Baugebiet Kleinfeld ausgegraben worden war.

Eine Überraschung bot das Körpergrab einer erwachsenen Frau, die mit einem Steinarmring am

Ein seltener Fund: Dieser Steinarmring aus Altdorf ist für die Wissenschaft besonders wertvoll, weil er aus einer Ausgrabung und damit aus einem gesicherten Fundzusammenhang stammt.
Steinarmring, Altdorf
Unterarm bestattet war. Einen vergleichbaren Armring hatten ehrenamtliche Helfer vor Jahren nicht weit entfernt bei einer Feldbegehung aufgelesen. Das zeigt, so der Kreisarchäologe, dass die Grabgruppe einst wohl größer gewesen war. Aus dem Mittelneolithikum (ca. 4900-4500 v. Chr.) stammt ein Brandschüttungsgrab mit Leichenbrand und außergewöhnlich zahlreichen Gefäßen – bis jetzt das reichste Grab dieser Zeit im östlichen Bayern. Neue Erkenntnisse zu Bestattungssitten bringen eine Tierdeponierung aus der Zeit von 4500 bis 4200 v. Chr. und ein Skelett, das in eine Grube geworfen worden schien und zwei Steinpfeilspitzen im Bereich der Wirbelsäule aufwies.

In Ergolding kamen eine Siedlungsgrube und möglicherweise Hausgrundrisse der Glockenbecherkultur (2500-2100 v. Chr.) zum Vorschein – eine Ausnahmeerscheinung für diese Zeit –, außerdem Bestattungen, bei denen es sich um frühmittelalterliche Hofgrablegen handeln könnte. Eine Ausgrabung im Gewerbegebiet Haselfurth, wo sich eine japanische Firma ansiedelte, stellte Thomas Richter vor, um zu zeigen, wie man mit einer frühzeitigen archäologischen Beteiligung die Kosten einer archäologischen Untersuchung stark reduzieren kann. In Bayerbach bei Ergoldsbach fanden sich latènezeitliche (450-15 n. Chr.) Vorratsgruben, in denen durch eine Schimmelschicht sozusagen vakuumverpacktes Getreide gelagert wurde. Zwei Stadtgrabungen in der Vilsbiburger Innenstadt bei der Stadtpfarrkirche und am Stadtplatz ergaben interessante Ergebnisse zur hoch- und spätmittelalterlichen Besiedelung von Vilsbiburg.

Zu den Aufgaben des Kreisarchäologen zählen auch Projekte in der Bildung von Kindern und Erwachsenen. So bot er 2012 mit Monika Weigl eine Feldbegehung für Kinder im Rahmen der deutschlandweiten Aktion „Türen auf für die Maus“ an. Der im Juli 2012 eröffnete Landshuter Höhenwanderweg, konzipiert mit dem Tourismusamt des Landkreises, bietet Wanderern Einblicke in die Geschichte und die Besonderheiten der Landschaft.

Vereinsvorsitzender Peter Geldner hob abschließend die finanziellen Vorteile eines Kreisarchäologen hervor. Schon in den zwei Jahren seiner Tätigkeit habe Thomas Richter durch die Art, wie er die Ausgrabungen angehe, eine sehr hohe Summe für die Gemeinden eingespart. Geldner bedauerte, dass die Stadt Landshut derzeit keinen Stadtarchäologen beschäftigt. Die archäologischen Untersuchungen in Vilsbiburg hätten gezeigt, mit wie wenigen Ausgrabungen sich schon sehr viele Erkenntnisse über die Stadtgeschichte erzielen ließen. Ein Stadtarchäologe in Landshut könne hier ebenfalls das Geschichtsbild neu zeichnen und dabei gleichzeitig Kosten sparen. Der Verein ArLan setze sich daher für die Beschäftigung eines Stadtarchäologen in Landshut ein, so Geldner.

 

 

11.1.2013, Die Entstehung der Pfarrmatrikeln in der katholischen Kirche.
Die Lebens-Zeichen der Vorfahren entschlüsseln

Referent: Josef Geltl, Familienforscher

Ein Bericht von Susanne Hollmayer

 

Familienforschung Pfarrmatrikel, Dr. Engelhardt, Josef Geltl, Peter GeldnerBei Familienforschern sorgen sie für leuchtende Augen. So mancher, der sich mit Familienforschung noch nicht beschäftigt hat, muss erst einmal nachfragen, was der Begriff „Pfarrmatrikel“ überhaupt bedeutet. Wie und warum die Pfarrmatrikeln in der katholischen Kirche entstanden, und wie ihre Bedeutung sich im Lauf der Geschichte bis heute wandelte, darüber referierte Josef Geltl, Familienforscher aus Engelsdorf, beim letzten Vereinsabend des Vereins ArLan im Ergoldinger Gasthaus Proske. Er bezog sich dabei beispielhaft auf die Pfarrmatrikeln des Bistums Regensburg. Der Verein ArLan – Archäologie in Stadt und Landkreis Landshut – bewies mit diesem Thema einmal mehr, welch vielfältige Interessen er neben der Archäologie bündelt.

Die Pfarrmatrikeln gehören zu den wichtigsten Forschungsmöglichkeiten für Familienforscher, so Josef Geltl. In der Regel handelt es sich dabei um drei Arten von Büchern, nämlich Geburts-, Heirats- und Sterbebücher, dazu kommen die sogenannten Familienbücher. Josef Geltl hat sich schon in jungen Jahren auf die Suche nach seinen Vorfahren gemacht. Er pflegt beste Kontakte zum Archivdirektor des Zentralarchivs Regensburg, Monsignore Dr. Paul Mai, der ihn bei seinen Forschungen unterstützte.

Die Führung von Kirchenbüchern wurde von der Kirche um die Mitte des 16. Jahrhunderts auf dem Konzil von Trient gesetzlich vorgeschrieben, wobei vor allem das Dekret „Tametsi“ vom 11. November 1563 von Bedeutung ist. Dieses richtete sich gegen heimlich geschlossene Ehen und Verwandtschaftsehen, indem es die Gültigkeit einer Ehe von der kirchlichen Form abhängig machte. Dazu gehörten die Anwesenheit von Zeugen, diese und der trauende Geistliche mussten namentlich in einem Buch festgehalten werden. Zwar war die Führung von Kirchenbüchern bereits lange vor dieser Zeit bekannt, erst mit dem Dekret vom Trienter Konzil aber war es für die gesamte katholische Kirche verbindlich geworden, Trauungen, Taufen und Beerdigungen in Büchern aufzuzeichnen.
Im weiteren Verlauf des Vortrags beschrieb der Engelsdorfer Familienforscher, wie zäh die Umsetzung der neuen Gesetze zunächst anlief, und nannte Beispiele für Pfarreien im Bistum Regensburg, deren Matrikeln noch vor 1600 begonnen wurden, wie in Dingolfing, Geisenhausen, Niederviehbach, Pfeffenhausen und Altdorf. Im Bistum Regensburg wie auch in anderen Bistümern beginnt eine Vielzahl der Kirchenbücher im frühen 17. Jahrhundert, wobei aber zu berücksichtigen ist, dass Vorgängerbücher durch Brände, Kriegseinwirkungen oder Diebstahl verloren gingen. Seltener als Geburts-, Heirats- und Sterbebücher gab es Familienbücher, die oft im Interesse einzelner Geistlicher angelegt wurden. Als Beispiele für Familienbücher aus dem Bistum Regensburg und unsere Region zählte Josef Geltl Binabiburg, Ergolding, Hohenthann, Neuhausen, Nieder- und Oberviehbach und Oberglaim auf.
Im 18. Jahrhundert sorgten Kontrollen und hohe Geldstrafen von seiten der Kirchenobrigkeit dafür, dass die bis dahin wohl nachlässig gepflegten Bücher langsam ordentlich geführt wurden und die Aufzeichnungen einheitlich wurden. Im Laufe des 19. Jahrhunderts wurde die Matrikelführung immer mehr zur Sache des Staats, für den die Kirchenbücher irgendwann die Funktion von „Zivilstandsregistern“ einnahmen. Die Entwicklung gipfelte in einem Gesetz von 1875, das die Führung von Geburts-, Heirats- und Sterberegistern nur noch vom Staat bestellten Standesbeamten erlaubte, ein Amt, das Geistliche nicht ausführen konnten. Die Pfarrmatrikeln, die bis heute geführt werden, haben ihren Status als Zivilstandsregister verloren, sind aber bei erbrechtlichen Auseinandersetzungen immer noch von Bedeutung.
Als Ironie des Schicksals bezeichnete Josef Geltl es, dass gerade das nationalsozialistische Regime mit seiner Ideologie der „arischen Herrenrasse“ auch in der breiteren Bevölkerung das Interesse für die Ahnenforschung weckte: Die Nürnberger Gesetze von 1935 hatten zur Folge, dass unter anderem berufliches Fortkommen abhängig war von der „arischen“ Abstammung, die bis ins dritte Glied nachgewiesen werden musste. War während der Kriegsjahre an Forschungen nicht zu denken, so nahm die Anzahl der Familienforscher stark zu, als die wirtschaftlichen Verhältnisse sich gebessert hatten. Da die Pfarreien den Ansturm der Anfragen nicht mehr stemmen konnten, wurde in den siebziger Jahren beschlossen, die Pfarrmatrikeln der einzelnen Pfarreien in die bischöflichen Zentralarchive zu verbringen. Das Bistum Regensburg war hierbei das erste.
Als äußerst positiv bewertete Josef Geltl die Tatsache, dass seit den siebziger Jahren sogenannte Mikrofiches von den Matrikeln hergestellt werden, zum einen wegen der besseren Zugänglichkeit, zum anderen, weil die empfindlichen Bücher so geschützt bleiben. Seit 1982 wurden sie im Bayerischen Hauptstaatsarchiv verfilmt. Abschließend gab Josef Geltl einige Tipps für Familienforscher: Bei einem Projekt der Uni Passsau wurden die Matrikel der Diözese Passau und österreichischer Pfarreien ins Internet aufgenommen (www.matricula-online.eu). Familienforscher und solche, die es werden wollen, sind herzlich eingeladen, den Historischen Arbeitskreis der Hallertau aufzusuchen, dessen Vorstand Josef Geltl angehört. Der Verein trifft sich regelmäßig in Pfeffenhausen, organisiert Vorträge und bietet Hilfen und Leseproben an. Weitere Informationen können der zu googelnden Homepage entnommen werden. Mit einem tosenden Applaus bedankte sich das Publikum beim Referenten für den informativen Vortrag.
Im Anschluss an den Vortrag zog Peter Geldner, Vorsitzender von ArLan, einen Vergleich: Ebenso wie die Zerstörung von Kirchenbüchern sei auch der Verlust von Bodendenkmälern äußerst bedauerlich. Werden entsprechende Flächen nicht sorgfältig bearbeitet, so könne das Gedächtnis einer Stadt oder Gemeinde verloren gehen. In Landshut könne hier ein Stadtarchäologe Abhilfe schaffen, für dessen Etablierung der Verein ArLan sich einsetzt.

 

 

Winterwanderung über das historische Schlachtfeld von 1313 südlich von Gammelsdorf

Referent und Führung: Vitus Lechner

Ein Bericht von Susanne Hollmayer

Geharnischten Adligen auf der Spur
Neujahrswanderung von ArLan führte über historisches Schlachtfeld bei Gammelsdorf

Schon jetzt künden in Gammelsdorf aufgestellte Ritter die Jubiläumsfeierlichkeiten von 15. bis 18. August 2013 an. Die westlich von Landshut im Landkreis Freising gelegene Gemeinde begeht dann den 700. Jahrestag der Schlacht bei Gammelsdorf, wo der Wittelsbacher Herzog Ludwig IV. von Oberbayern („Ludwig der Bayer“) 1313 über das Herr des habsburgischen Herzogs Friedrich des Schönen gesiegt hatte. Am Neujahrstag haben der Bruckberger Heimatpflegeverein und der Verein ArLan – Archäologie in Stadt und Landkreis Landshut – eine Wanderung zum ehemaligen Schauplatz der Schlacht veranstaltet. Vitus Lechner, Ortsheimatforscher von Bruckberg, führte eine überaus große Schar an Interessierten über das historische Schlachtfeld südlich von Gammelsdorf und vermittelte anschaulich, was die heutige Landschaft über die damaligen Ereignisse erzählt.

Gammelsdorf - Winterwanderung über das historisches Schlachtfeld von 1313

Weit über 120 Wanderer jeden Alters, darunter auch viele Kinder, gingen mit Vitus Lechner die Orte der Geschichte ab: Ausgehend vom Gasthaus Pichlmeier in Gammelsdorf führte der Weg über Daberg, Rehbach und Willersdorf nach Reichersdorf und weiter über Landersdorf zurück nach Gammelsdorf, wo die Wanderung beim Schlachtendenkmal am Ortseingang ihren Abschluss fand. Der Bruckberger Heimatpfleger erläuterte dabei nicht nur die Hintergründe der Schlacht und ihren Lageplan, sondern ging auch auf die kulturhistorischen Besonderheiten der teilweise schon im 8. Jahrhundert urkundlich erwähnten Orte ein.
Die Bedeutung der Schlacht von Gammelsdorf wird in der Forschung unterschiedlich bewertet. Zeitgenössische Quellen gibt es nicht, weswegen sich eine genaue Rekonstruktion der Ereignisse schwierig gestaltet. Die meisten ausführlichen Beschreibungen stammen erst aus dem 18. und 19. Jahrhundert. In der Schlacht ging es um die Vorherrschaft im schon seit 1255 von Oberbayern getrennten, reichen Niederbayern, an dem Österreich größtes Interesse hatte. Der Konflikt entzündete sich an der Frage nach der Vormundschaft für die noch unmündigen Söhne der 1310 und 1312 verstorbenen niederbayerischen Regenten Stephan I. und Otto III. Auf der Seite von Herzog Ludwig IV. kämpften vor allem oberbayerische und pfälzische Streitkräfte sowie die Städte Landshut, Straubing, Moosburg und Ingolstadt. Mit dem habsburgischen Herzog Friedrich dem Schönen zogen österreichisch-steirische Streitkräfte, ungarische Hilfstruppen und ein Großteil des niederbayerischen Adels in die Schlacht.
Den Sieg bei der am 9. November 1313 ausgetragenen Schlacht trug Herzog Ludwig davon. Ein Teil der Gefangenen wurde gegen eine Bürgschaft entlassen, ein anderer Teil aber, vor allem der niederbayerische Adel, kam in den Burgen und Städten in Haft. Ludwig übernahm daraufhin die Verwaltung Niederbayerns, die Vormundschaft über die niederbayerischen Herzogssöhne blieb bei den Oberbayern.
Über Daberg bei Rehbach angekommen, erfuhr die Wandergruppe von der Bedeutung dieses alten, in frühen Urkunden häufig genannten Ortes: Hier wurde im Morgengrauen des 9. November 1313 das erste Gefecht ausgetragen – der Vorposten der Österreicher wurde von den Bayern in die Flucht geschlagen. Weiter ging es nach Willersdorf, bei dessen Kirche St. Jakob der Legende nach zahlreiche Opfer der Schlacht in einem Massengrab bestattet wurden. Ein 1991 errichtetes Kreuz hinter der Kirche erinnert heute an die Gefallenen von 1313. Im 18. Jahrhundert löste ein neu erstellter Kirchenbau die erste, bereits um 1315 erwähnte Kirche ab, die eingestürzt war. Der Hochaltar stammt aus der Vorgängerkirche.
In Reichersdorf, das 779 erstmals urkundlich erwähnt wird und dessen frühere Ortsnamen möglicherweise auf eine alte gotische Siedlung hinweisen, ließen sich die Wanderer im Gasthaus Selmair Kaffee und Kuchen schmecken. Danach erklärte Vitus Lechner einige der zahlreich erhaltenen Namen der Reichersdorfer Flur, in denen sich die Vergangenheit lesen lässt. Nur ein Beispiel: Die immer wieder vorkommende Bezeichnung „Streitfeld“ geht zurück auf die Kriegsereignisse von 1313. Bemerkenswert ist die auffällige Bauweise der Kirche von Reichersdorf, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts vom Wirt und Bürgermeister Johann Selmair in Auftrag gegeben wurde. In ihrer Gestaltung lassen sich südamerikanische Einflüsse finden – der Baumeister hatte einst lange Jahre in Brasilien verbracht.
Der Bruckberger Heimatforscher führte die Ausflügler dann hinauf auf den Höhenrücken entlang des Möslingbachs, wo sich die von Osten herangezogenen österreichischen Truppen bei der Schlacht verschanzt und eine Verteidigungslinie gebildet hatten. Von hier aus kann man bis nach Gelbersdorf schauen, wo der Legende nach die Witwe eines gefallenen österreichischen Ritters ein Altarbild gestiftet hat. Zwei nahe gelegene Wallriegel gehörten möglicherweise zur österreichischen Verteidigungslinie, ein Burgstall könnte auf eine Wagenburg hinweisen. Herzog Ludwig zog von Moosburg aus mit seinen Truppen in Richtung Gammelsdorf, die Landshuter und Straubinger kamen von Furth und Obermünchen aus dazu.
Über Landersdorf wanderte die Gruppe weiter bis zum Schlachtendenkmal, dessen Errichtung 1842 auf die Initiative des einstigen Gammelsdorfer Pfarrers Franz Anton Gottstein zurückgeht. Mit Spenden aus Landshut, Straubing, Ingolstadt und Moosburg konnte der Bau damals realisiert werden, es erinnert an die in der Schlacht gefallenen Bürger dieser Städte. Erst ab dieser Zeit erwachte bei der Bevölkerung das Interesse für die Schlacht, der 600. und der 650. Jahrestag wurden bereits mit Gedenkfeiern begangen.
Beim Denkmal verabschiedete sich Vitus Lechner von seinen Zuhörern, die ihm für den interessanten Start ins neue Jahr großen Applaus spendeten. Im Rahmen des Vereinsabends von ArLan wird der Bruckberger Heimatforscher am 8. November 2013 – einen Tag vor dem Jahrestag – einen Vortrag über die Schlacht bei Gammelsdorf halten (19.30 Uhr, Gasthaus Proske in Ergolding).

 

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